Anerkennung der Taliban als legitime politische Kraft?

| 20. April 2016 | Kommentieren
Flagge der Taliban

Flagge der Taliban

Gezeiten der Geopolitik

Von Ruedi Strese

Moskau – Im Bemühen um eine Stabilisierung Afghanistans hat Zamir Kabulov, Sondergesandter des russischen Präsidenten für Afghanistan, signalisiert, daß Rußland bereit wäre, die Taliban als legitime politische Kraft anzuerkennen, wenn diese sich von ihren terroristischen Verbindungen lösen.

Während die zunehmenden militärischen Erfolge der Taliban in Moskau mit Sorge betrachtet werden, Kabulov diesbezüglich sogar von einer umfassenden Krise sprach, welche die Existenz der afghanischen Staatlichkeit bedrohe, gehen die Überlegungen des Diplomaten unter diesem Eindruck in eine auf den ersten Blick sonderbar anmutende Richtung.

Eine mögliche Lösung für diese Krise liege darin, wenn sowohl die Regierung in Kabul als auch die Taliban ernsthaft einen Weg für einen friedlichen Übergang in Afghanistan suchen. Kabulov führte aus: „Wenn die Taliban bereit sind, die drei Bedingungen für eine nationale Wiederversöhnung zu erfüllen – welche sind, die Verfassung von Afghanistan anzuerkennen, die Feindseligkeiten einzustellen und die Verbindungen zu terroristischen Organisationen einzustellen – würden wir keine Gründe sehen, fortzufahren, sie als Terroristen zu sehen. Sie würden eine von Afghanistans politischen Kräften werden, mit jedem Recht zu existieren und respektiert zu werden.“

Kabulov betonte jedoch, es liege nicht an Rußland, dies zu entscheiden. Die afghanische Regierung müsse es bestätigen, zudem wäre die Billigung des UN-Sicherheitsrates erforderlich. Er fügte hinzu, daß ein solcher Übergang schwer zu verhandeln wäre, angesichts dessen, daß Kabul und die USA derzeit auf Kräfte der Taliban zielten. Eine große Rolle bei der Neubestimmung der russischen Position dürfte die uneinheitliche, doch eher ablehnende Haltung der Taliban zum „Islamischen Staat“ sein. Mit einem klaren Seitenhieb in Richtung Washington erklärte Kabulov: „Es ist ein Wunder, daß Talibanführer, welche nicht mit dem Islamischen Staat in Afghanistan kooperieren wollen, dazu tendieren, von amerikanischen Luftschlägen getroffen zu werden. Und jene, die es tun, werden in Ruhe gelassen.“

Mit Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan grenzen gleich drei ehemalige Sowjetrepubliken an Afghanistan. Allein aus diesem Grund hat Rußland, welches mit der NATO-Präsenz an seiner Westgrenze, dem Konflikt in der Ukraine, der Situation in Georgien sowie der jüngsten Eskalation zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach genug geopolitischen Sprengstoff an seinen Grenzen hat, ein besonderes Interesse an einer Beruhigung der Lage in Afghanistan, und sei es unter Einbeziehung ehemaliger Gegner.

Während der Zeit seines Bestehens von 1996-2001 war der Staat der Taliban, offiziell das „Islamische Emirat Afghanistan“ genannt, lediglich von drei Staaten anerkannt worden, und zwar Pakistan, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien. Die nahezu vollständige Unterbindung des Schlafmohnanbaus, somit der Opiumproduktion, und das konsequent durchgesetzte Verbot der Knabenschändung („Bacha bazi“) können als positive Errungenschaften erwähnt werden (welche beide mit dem Sturz der Taliban nach den 2001 beginnenden US-Angriffen rasch wieder verloren gingen, wobei wohl auch Teile der Taliban seither den Mohn wieder als Finanzierungsquelle nutzen), ansonsten wurde von den der Deobandi-Bewegung zugehörigen Sunniten eine sehr rigide Auslegung der Scharia praktiziert.

Verweise:
http://m.sputniknews.com/asia/20160419/1038249725/taliban-forces-regions.html
https://www.rt.com/news/340214-taliban-legitimate-power-afghanistan/
http://opioids.com/afghanistan/

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Kategorie: Allgemein, Politik

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