Blaue Plakette ist handwerksfeindlich!

| 13. August 2016 | Kommentieren

Ist die „Blaue Plakette“ für Euro-6-Fahrzeuge vom Tisch?

Hans Peter Wollseifer Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks Foto: ZDH/Stegner

Hans Peter Wollseifer
Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks Foto: ZDH/Stegner

Von Rüdiger Dietrich

Berlin – Nach massiver Kritik seitens Teilen der Wirtschaft, insbesondere des Handwerks, stellte das Bundesumweltministerium die vorgesehene Einführung einer “Blauen Plakette” für die Zufahrt in Innenstädte vorerst einmal zurück. Eine solche Plakette hätte kaum praktischen Nutzen, dafür aber fatale Auswirkungen für die Betriebe und die Versorgung der Innenstädte, lautete die Warnung aus Handwerkskreisen. Für die Gewichtsklasse bis 3,5 Tonnen wurde im vergangenen Herbst die Euro-6-Norm eingeführt. Davon betroffen sind etwa zwei Millionen leichte und mittelschwere Nutzfahrzeuge, von denen nur knapp 1 % die Euro-Norm 6 erfüllen. Die Einführung der “blauen Plakette” für Euro 6-Fahrzeuge würde zu einem abrupten Ausschluss der heutigen Dieselfahrzeuge aus den Innenstädten führen. Und der Großteil des Nutzfahrzeugbestands im Handwerk gehört zur betroffenen Gewichtsklasse. Hinzukommt, dass zahlreiche Handwerksbetriebe erst jüngst ihren Fuhrpark teils kostspielig modernisiert und weitgehend auf Euro-5-Standard gebracht haben. Müßten diese bislang nur wenig zum Einsatz gekommenen Nutzfahrzeuge bereits wieder abgestoßen werden, würde den Betrieben nicht unerhebliche Vermögensverluste zugefügt.

Laut Experten ist bei vielen aktuellen Euro-6-Fahrzeugen nicht einmal sichergestellt, dass sie im Vergleich mit Euro-5-Fahrzeugen im Straßeneinsatz Stickoxidreduzierungen bringen. Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) äußerte sich zur Debatte wie folgt: “Nur ein Gesamtpaket mit besserer Verkehrslenkung, ÖPNV-Ausbau, Schadstoffreduzierung an allen Emissionsquellen und guten Rahmenbedingungen für die Modernisierung der Fahrzeugflotten kann mittelfristig zur Einhaltung der Grenzwerte beitragen.” Dass die Anfang der 2000er Jahre festgesetzten ambitionierten Grenzwerte in vielen Städten – insbesondere für Stickoxide – vermutlich nicht zum geplanten Zeitpunkt erreicht werden, sieht der ZDH neben der massiven Ausdehnung des Dieselantriebs im Pkw-Bereich auch in der unzureichenden zeitlichen Koordinierung der europäischen Umgebungsluftnormen mit den Abgasnormen für Neufahrzeuge und einer fehlenden Wirksamkeitsüberprüfung der neuen Normen im Realbetrieb begründet. Vor allem sei nun aber die Autoindustrie in der Pflicht.

Auch der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) sprach sich gegen die „Blaue Plakette“ aus. „Fahrverbote und andere Aussperrungsstrategien für Dieselfahrzeuge in Städten gehören endgültig vom Tisch. Jetzt ist das Bundesverkehrsministerium am Zug, das einen Alternativvorschlag ausarbeiten muss. Bei aller gebotenen Rücksichtnahme auf die Luftreinhaltung muss die Mobilität der Unternehmer nicht zuletzt zur Versorgung der Bevölkerung Vorrang haben“, verlangte BVMW-Präsident Mario Ohoven.

Stichworte: , , , , , , , , , , , , ,

Kategorie: Allgemein, Politik

Kommentar schreiben