Boris Nad – Achilles

| 17. Juni 2016 | Kommentieren

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Thetis gibt ihrem Sohn Achilles seine neuen, von Hephaistos geschmiedeten Waffen.

Thetis gibt ihrem Sohn Achilles seine neuen, von Hephaistos geschmiedeten Waffen.

Von Boris Nad

Ich werde sterben, bevor die Stadt erobert ist. Bevor das Feuer die Straßen des verhaßten Troja reinigt, bevor das Blut all die den Danaern zugefügten Beleidigungen fortwäscht. Es ist mein Schicksal, bis jene Zeit kommt, jeden Tag schweigend zu erdulden, feindlich und und zornig in der Menge. Einer dieser Menschen ist mein finsterer Mörder.

Ich fühle keine Furcht, während ich mit meinem Streitwagen durch die Menge jage und mich den Mauern und Toren Trojas nähere, welche ich nie durchschreiten werde. Ihr Haß, ihre Speere und Pfeile können mir nicht wehtun – nicht vor dem Einbruch der festgelegten Zeit. (Da Xanthos, ein Pferd, welches die geheimen Zeichen der Götter versteht, mich jeden Morgen warnt, habe ich nicht mehr viel Zeit.) Ich bin der Sohn des Peleus, der mit den Argonauten segelte, meine Mutter ist eine Göttin, keine sterbliche Frau. Als Junge badete ich in den Wassern des Styx. Seither ist mein Körper gehärtet wie Eisen im Hochofen.

Ich verspüre keinen Neid auf die anderen Helden, mit denen wir dieses ausgedehnte Schlachtfeld teilen, denn ich weiß, daß ich der Beste von beiden Armeen bin. Es gibt Beute, die ich machen könnte, doch sie hat keine Bedeutung für mich, denn ich werde nicht, wie Agamemnon, heimkehren. Ich strebe nicht nach Reichtum – daß mich täglich Könige ehren ist genug. Wer sonst unter den griechischen Helden kann stolz sein, so viele Städte zerstört zu haben wie ich? Mein Schwert hat vielen den Tod gebracht – und es wird noch vielen weiteren den Tod bringen. Ich erinnere mich an Hektor, den größten unter den Kindern Ilias‘, durch seinen Tod rächte ich den unglücklichen Patroklos. Die Amazone Penthesilea starb in meinen Armen. Ich erinnere mich auch an Thersites, den ich tötete, da er ob meiner Tränen spottete, als ich ihren Tod betrauerte. Alles, was ich tat, tat ich um des Ruhmes willen. Ich habe das lange, ruhige Leben und den Tod im Bett verachtet, das Schicksal des Kriegers wählend.

Ich weiß, daß sie eines Tages Schreine und Tempel für mich errichten werden und meinen Namen neben den Namen der Götter und anderer tapferer Männer nennen werden, die Griechen in der Schlacht beschwörend. Ich weiß, daß es eines Tages einen König und Eroberer der Welt geben wird, der wie ich zu sein wünschen wird. Meine Mutter muß sich nicht schämen, denn sie gebar einen bloßen Sterblichen und keinen Gott.

All dies genügt nicht für den Sieg.

Die Trojaner werden nicht durch den irrsinnigen Mut des Achilles besiegt werden, sondern durch den heimtückischen, gerissenen Odysseus.

(aus dem Englischen übersetzt von Ruedi Strese)

Unser Autor: Der serbische Schriftsteller und Publizist Boris Nad wurde 1966 in Vinkovci, Slawonien, geboren. Er studierte in Zagreb und Belgrad und schloß das Studium an der Universität Belgrad ab. Er hat mehrere Bücher mit Dichtung, Prosa sowie zu philosophischen und geopolitischen Themen veröffentlicht, außerdem zahlreiche Essays und Artikel in verschiedenen Zeitschriften.

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Kategorie: Allgemein, Kultur

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