Boris Nad – Bagdad

| 13. Juli 2016 | Kommentieren

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Die Belagerung Bagdads 1258

Die Belagerung Bagdads 1258

„Er erinnerte sich, daß die Träume der Menschen Gott gehören und daß Maimonides schrieb, daß die Worte eines Traums göttlich seien, wenn sie alle separat und deutlich sind und von einem Unsichtbaren gesprochen.“
(J.L. Borges, Das geheime Wunder)

Ich hatte einen Traum, daß ich in Bagdad gelandet war.

Die mächtigen Elfenbeinmauern ragten über dem glühenden Sand auf; über der Wüste zitterten entsetzliche Bilder in der drückenden Hitze, in unerträglicher Glut.

Die Stadt hatte hundert goldene Tore, die in der Morgensonne glänzten. Ein Strom von Reisenden stieß vor den Stadttoren zusammen. Die Bewegungen von Armeen, große Truppen auf Kamelen und galoppierenden Pferden wirbelten eine Wolke von gelbem Staub auf, welche die Sicht auf die Minarette und vergoldeten Kuppeln der Moscheen verdeckte. Es mußte doch eine Zeit des Gebets sein, denn fortgesetztes Singen des Muezzin drang durch die Laute der Pferde und die Rufe der Stallknechte.

Ich ging durch all dies und schlüpfte durch die Wachen des Kalifen, die Speere und Krummsäbel hielten, hindurch, worauf ich mich in einer engen Gasse wiederfand, die durch Ströme schmutzigen Wassers geflutet war. Aus der Hütte aus getrocknetem Schlamm schauten dunkelhäutige Frauen mit großen, dunklen, warmen Augen neugierig heraus; eine Bande armer, barfüßiger Bengel rannte aus Leibeskräften schreiend hinter mir her. Ich verstand die Sprache nicht, welche die Einwohner der Stadt sprachen. Dennoch verstand ich, daß Invasoren sich der Stadt näherten: Horden schlitzäugiger Krieger von vierzig-, fünfzig- oder sogar einhunderttausend Reitern, welche wie eine Lawine aus den mongolischen Steppen heranstürmten…

Bagdad hatte hunderttausende genau solcher Gassen und zahllose Plätze, wo während des ganzen Tages Märkte gehalten wurden, genau wie farbenprächtige Basare. Händler aus Cathay mit schrägen Augen, blauäugige Moskowiter, Genuesen und Tataren, Karawanen aus Abessinien, Kairo, Libyen… all diese sprachen kaum ein Wort Arabisch. An den Eingängen der Moscheen saßen die Schriftgelehrten mit roten Turbanen, aufmerksam schrieben sie kalligraphische Schriftzeichen auf Kamelhäute; unter Ständen auf Plätzen saßen Geldwechsler und zählten Münzen aus Kupfer, Silber und Gold. Vor einem märchenhaften Palast hörte ich die Pauken und Dudelsäcke, und ich sah eine goldene Sänfte mit einem Gefolge, und in ihr saß der Kalif von Bagdad persönlich; er war gekleidet in Seide mit goldenen Streifen und schwarzen und weißen Perlen.

Ein mächtiger Prinz von Ländern des Abendlichtes eilte, ihn zu besuchen; einhundert Ritter mit silberner Rüstung und bunten Bannern umgaben den Herrscher, der seinen Kopf hoch trug.

Doch was ist irdische Macht, wenn das Verderben schon in den Sternen geschrieben steht? Ein Hofastrologe hatte die Zeichen des Unglücks falsch gedeutet; andere sprachen von dem im Nachthimmel sichtbaren Kometen, welcher die Pest vorhersagte. Und tatsächlich erschien die Pest in Basra.

Ich war ein Fremder in Bagdad, doch ich wußte immer noch, daß in einer dunklen Gasse ein alter Mann lebt, mit einem Bart, weiß wie Schnee. Als ich ihn schließlich fand, war er auf seinem Sterbelager. Er lag auf einem Bett, gekleidet in zerfetzte Lumpen und verschied, schmerzhafte Krämpfe schüttelten seinen ausgemergelten Leib; er war sicher über einhundert Jahre alt. Er war der erbärmlichste alte Mann in der ganzen Stadt. Armer alter Mann! Ich beugte mich über ihn, unter flackerndem Kerzenlicht, doch es gelang mir nicht, die Worte zu hören, die im Todeskampf aus seinem trockenen Mund kamen. Ich merkte, daß er starb und daß mit seinem Tod die Horden wilder Tataren sich durch die Mauern ergießen werden, daß es den Untergang ganz Bagdads in den Flammen heraufbeschwört. Der Kalif wird in seinem Palast ermordet werden, seine Bewohner werden geschlachtet oder in die Sklaverei geführt werden, Blut wird durch die Straßen fließen…

In den Augen Gottes waren die Leben hunderttausender Menschen nicht von dem mächtigen Kalifen abhängig, sondern von dem elenden alten Mann, der vor meinen Augen sein Leben aushauchte.

Ich bemerkte, daß nicht einmal ich das Schlachten verhindern konnte, denn ich vermochte die Worte, die er auf dem Sterbebett zu mir flüsterte, nicht zu verstehen.

(aus dem Englischen übersetzt von Ruedi Strese)

Unser Autor:

Der serbische Schriftsteller und Publizist Boris Nad wurde 1966 in Vinkovci, Slawonien, geboren. Er studierte in Zagreb und Belgrad und schloß das Studium an der Universität Belgrad ab. Er hat mehrere Bücher mit Dichtung, Prosa sowie zu philosophischen und geopolitischen Themen veröffentlicht, außerdem zahlreiche Essays und Artikel in verschiedenen Zeitschriften.

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Kategorie: Allgemein, Kultur

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