Boris Nad – Mythisches Amerika

| 13. August 2016 | Kommentieren

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Gesüdete Fantasiekarte von Atlantis aus Athanasius Kirchers Mundus Subterraneus von 1665

Gesüdete Fantasiekarte von Atlantis aus Athanasius Kirchers Mundus Subterraneus von 1665

Historische Ereignisse können nicht allein durch die bewußten Absichten ihrer Protagonisten erklärt werden, nicht einmal durch ihre persönlichen Charaktermerkmale und Wesenszüge, obwohl dies eine entscheidende psychologische Komponente wichtiger historischer Figuren und ihrer ideologischen oder philosophischen Neigung ist. Abgesehen von Faktoren, welche rein quantitativ sind und meßbar (ökonomisch, sozial, usw.), sind die Ereignisse der Geschichte stets von subtileren und feineren Formen der Realität beeinflußt worden, welche hinsichtlich ihrer Qualität nicht weniger wahr sind. Dies trifft auch auf viele andere Sphären menschlicher Aktivität zu, welche gewöhnlicher sind als die Sphäre der Politik. Bei vielen Gelegenheiten hat eine „abstrakte“ Idee, ein Konzept oder Mythos das Schicksal ganzer Nationen oder Zivilisationen besiegelt (etwa der Inka, welche dachten, die spanischen Konquistadoren seien weiße Götter). Und politische Ideologie gehört letztlich zu einer klar ausgeprägten Realität, welche weitgehend unabhängig ist von jedem Individuum. Tatsächlich ist Ideologie oft in der Lage, Menschen vollständig zu unterwerfen und jegliche Individuen zu „absorbieren“.

Auf einer noch tieferen Ebene ist die politische Realität tief im Unbewußten verwurzelt (verewigt), in vergessenen und unterdrückten Archetypen. Indessen kann die Aktivierung dieser Archetypen – meist abrupt und unerwartet – unvorstellbare, explosive Intrusionen bis zur Tiefe des kollektiven Unterbewußte hervorrufen, für Individuen wie für ganze Nationen, und besonders, wenn diese Archetypen im bewußten Zustand nicht faßbar sind. Ein Beispiel solch einer plötzlichen Intrusion ist Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Individuelle Forschung im Bereich der „Metaphysik der Geschichte“ legt nahe, daß bei diesem Ereignis ihr ursprüngliches Erwachen ein Archetyp Wotans war, des uralten heidnischen Gottes des alten Deutschlands, und dies geschah wegen der Persönlichkeit ihres Führers (natürlich in einer verzerrten, pathologischen Form als Ergebnis einer exzessiven und künstlichen Verdrängung).

Wir können jedenfalls feststellen, daß dies der Grund ist, warum jede relevante politische Analyse nicht auf strikt rationale und empirische Erwägungen beschränkt ist. Im Gegenteil: sie muß danach streben, ein politisches Phänomen in seiner Gesamtheit zu umfassen, Faktoren spiritueller, religiöser, philosophischer Art aus der Tiefenpsychologie und symbolischer Geographie stets beachtend.

Geheimnisse der amerikanischen Geltung

Amerika ist heute eine wesentliche geopolitische Kraft. Es ist ein Modell, dem wir uns, absichtlich oder nicht, in modernen Gesellschaften anpassen, bis es selbst zum Paradigma der Modernität wird. Dies ist das Geheimnis der amerikanischen Geltung. Doch hinter der Illusion der ultramodernen und ultrarationalen Gesellschaft, konzentriert ausschließlich auf das rein Pragmatische, in welcher alles dem „Business“ und der Wirtschaft untergeordnet ist, kann es auch als Skizze eines nahezu mythischen Kontinents gesehen werden. Dieses Bild hat eine fast magnetische Kraft und nur wenige Menschen können gleichgültig bleiben, im einen Moment erzeugt es Abscheu und im nächsten den Wunsch der Nachahmung. Dieses Paradoxon ist einfach nicht rational erklärbar.

Der Mythos von Amerika

Der Mythos von Amerika oder das „mythische Amerika“ existiert wirklich. Auf einer sehr niedrigen Ebene ist dies für beinahe jeden Bewohner dieses Planeten erkennbar, doch wie es zustande kam, ist unklar. Von Fall zu Fall betrachtet, wird es offensichtlicher: mit Symbolen und „Ikonen“, Filmen, in Stadtansichten und den enormen leeren Räumen der „Neuen Welt“.

Dies findet Ausdruck in „Mythen“ und der sonderbaren Ideologie des Landes. Wir haben bereits die Identifikation des postapokalyptischen Amerika mit dem „Neuen Jerusalem“, der „Neuen Erde“ der Apokalypse, welches seine Grundlagen in extremen Formen der protestantischen (puritanischen) Religion hat, diskutiert. In diesem Kapitel wollen wir uns noch einmal einer weniger expliziten, doch nicht weniger wichtigen Erklärung zuwenden: Amerika entspricht dem mythischen Atlantis. Diesem unterbewußten Zusammentreffen schuldet Amerika einen wesentlichen Teil seines gegenwärtigen Ansehens und Glanzes.

Amerika oder Atlantis?

Amerika mit Atlantis zu verbinden, ist natürlich und sogar unvermeidlich – es findet im Unterbewußten statt und auf bewußter Ebene gleichermaßen, sogar unter Amerikanern und den westlichen Kolonien. Es ist schließlich durch die Leichtigkeit bestätigt, mit der neue Begriffe gebraucht werden, welche anderweitig keinen Sinn ergeben würden, etwa die „atlantische Gemeinschaft“ – ein Synonym für „Euroamerika“, „euro-atlantische Integration“, oder auch nur der Name der nordatlantischen Militärallianz.

Überdies ist „Atlantizismus“ der universell akzeptierte Begriff für alle politischen Doktrinen, welche der gegenwärtigen USA folgen. Zudem ist „Atlantizismus“ ein Kennzeichen der „imperialen“ Mentalität, Psychoideologie der thalassokratischen, merkantilen und kolonialen Mächte, welche seit uralten Zeiten mit dem Atlantischen Ozean in Verbindung gebracht wurden. Vom Atlantik zu Atlantis ist es auf symbolischer Ebene jedenfalls nur ein einziger Schritt, denn das nördliche Gebiet des Ozeans ist tatsächlich das mythische Atlantis.

Die symbolische Identifikation ist unbezweifelt, doch Amerika ist nicht das alte Atlantis (der westliche Paläokontinent). Auch sind die heutigen Amerikaner nicht die von Plato erwähnten sagenhaften Bewohner Atlantis’.

Die Beschreibung, welche der griechische Philosoph bietet, ist vollkommen klar: er spricht von „dem Festland gegenüber den vom Meer umgebenen Inseln“, dieses Land ist heutzutage als amerikanischer Kontinent erkennbar, westlich der atlantischen Inseln gelegen.

Der Mythos von Atlantis

In den Mythen war Atlantis irgendwo im Nordatlantik gelegen, westlich der Säulen des Herkules, der heutigen Straße von Gibraltar. Grob gesagt, versank Atlantis vor zehntausend Jahren, in einer geologischen Katastrophe, welche über die Menschheit hereinbrach. Eines der wichtigsten uns hinterlassenen Zeugnisse ist von Plato, in Timaios und Kritias, wo Plato berichtet, was sein Lehrer Sokrates von dem griechischen Weisen Solon gelernt hat.

Platos Bericht zusammenfassend, können wir Folgendes hervorheben: Atlanta war Träger einer spirituellen, überlegenen Zivilisation. Sie waren Seefahrer von den westlichen Inseln, wo sie in beispiellosem Wohlstand gelebt haben; sie waren auch die ersten europäischen Kolonisten. Die Katastrophe, welche sie traf – wegen des „Zornes Gottes“ – war tatsächlich das Resultat einer spirituellen Katastrophe: „Der Gott der Götter, Zeus […]“, so Platon lakonisch, „beschließt, sie zu strafen…“

Da Vieles der späteren, sich mit Atlantis befassenden Literatur zehntausende Bibliographien enthält, werden wir nur die klassische Arbeit von Otto Muck erwähnen (Otto Muck, „Alles über Atlantis“), welche sich auf diesen Mythos und bestimmte wissenschaftliche Argumente bezog. Der Autor identifiziert das Volk von Atlantis mit dem Cro-Magnon-Menschen, der Seefahrt und Landwirtschaft betrieb, dessen Kolonisierung auch in der nordwestlich-südöstlichen Richtung erfolgte.

Platos Arbeit ist der älteste und vollständigste Bericht über die untergegangene Zivilisation. Platos Bericht ist reichhaltig, akkurat und voll unglaublich präziser Details über das Leben der Atlanter; im Vergleich dazu sind sämtliche späteren Darstellungen unterlegen, und spätere Darstellungen haben sekundäre Bedeutung. Oft beschränken sie sich auf bloße Wiederholung Platos oder sind lediglich Beweis der fruchtbaren Vorstellungskraft des Autors.

Amerika – Inhaber des atlantischen Wohlbefindens

Hier sind wir an der nüchternen Wirklichkeit des atlantischen Mythos interessiert. Im Allgemeinen sind Mythen vieldeutig und können auf verschiedene Weise interpretiert werden, von der Spitze, welche sich auf die spirituelle Realität bezieht, bis zur niedrigsten Ebene, welche „naturalistisch“ ist. An dieser Stelle sind wir vorrangig an der Wahrheit auf der Ebene des kollektiven Unbewußten und seinen Archetypen interessiert. Generell scheint es, daß dieser Mythos tief in der Struktur des Unbewußten vieler Nationen verwurzelt ist.

Mythen über Atlantis tauchen immer wieder auf, auch wenn sie vollständig vergessen scheinen, bis zu jenem Ausmaß, daß in bestimmten historischen Perioden wie den letzten Dekaden, es durchaus berechtigt ist, von einer wahren „Atlantomanie“ zu sprechen.

Die Parallelen zwischen Amerika und Atlantis sind selbstauferlegt. Amerika hütet die atlantische Wohlfahrt, welche der von Plato beschriebene Mythos betont. Amerika ist gleichsam Besitzer einer „überlegenen“ Zivilisation, Amerikaner sind auch Seefahrer und Kolonisatoren Europas, welche von „Inseln“ im Westen gekommen sind, und so weiter.
Deshalb ruft Amerika ein apokalyptisches Thema ins Gedächtnis: „die Wiederauferstehung der Toten“. Es gibt auch den Symbolismus des Wasser (Meere, Ozeane) in seinem negativen Aspekt, als dem Symbol von Tod, Chaos und Nicht-Sein. Dies stimmt letztlich mit dem Symbolismus des Westens überein, welcher, in vielen und unterschiedlichen Traditionen, nicht nur eine „verfluchte Seite der Welt“ ist, sondern auch „das Land der Toten“, das „Königreich der Schatten“, wohin die Seelen nach dem Tod gehen.

Indes ist Amerika die falsche und parodistische Verkörperung des atlantischen Mythos, in welcher höhere, spirituelle Werte systematisch neu interpretiert und durch niedrigere, materielle ersetzt werden: die himmlische Wohlfahrt von Atlantis, das wahre Goldene Zeitalter, wird durch Amerikas materiellen Reichtum ersetzt, und die angemaßte Überlegenheit gegenüber dem „Rest der Welt“ manifestiert sich in Kundenvorteilen und technologischer Zivilisation. Somit sind die überlegenen atlantischen Kolonisatoren, welche das Licht einer spirituellen Zivilisation bringen, in Kolonisten-Eroberer verwandelt, Gesandte einer extrem materialistischen Zivilisation, welche unter grotesken Symbolen wie Mickey Mouse, Coca-Cola und McDonalds handeln.

Von der Eschatologie zu Utopia

Neu-Jerusalem und Neu-Atlantis – sind beides Archetypen von Eden, dem himmlischen Paradies. Dieses jedoch kann nur nach dem Ende der Welt folgen. Das Paradies, das neue Goldene Zeitalter, liegt auf der anderen Seite der Geschichte und gehört zum Beginn eines neuen Zeitabschnitts, oder, in der christlichen Eschatologie, hinter die Wiederkunft Christi.
Es gibt zudem in einer späten Periode Europas und einem Favoriten für utopische Projektionen imaginäre Räume, natürlich, wie der Fall des „Neu-Atlantis“ von Francis Bacon, im Kontrast zu Amerika, welches auf eine sehr bestimmte Weise dieses „Neu-Jerusalem“ wird, schon bald nach der Entdeckung des Kontinents. Amerika wurde schnell nach dem Bild von Utopia geformt. Eschatologie wird, als Ergebnis der Säkularisierung, auf ein bescheidenes Maß von Utopie reduziert, was tatsächlich eine Parodie einer solchen ist.

Der erste Versuch, ein Utopia auf amerikanischem Boden (die „Stadt Gottes“ auf Erden) zu errichten, wurde von den puritanischen und freimaurerischen „Gründervätern“ durchgeführt. Der amerikanische Boden ermöglichte den Aufstieg der ersten kommunistischen Kolonien, wie Ikaria, welches 1848 in den Feuchtgebieten Missouris erbaut wurde. Deshalb ist von Anbeginn die „Geschichte Amerikas wirklich [die] Geschichte eines Traums von Utopia“. Utopia ist indes eine Parodie der Eschatologie.

Amerika, „Neues Land“ der Apokalypse

Das falsche Atlantis und das falsche Jerusalem sind in einer besonders „glücklichen“ Weise durch amerikanischen synkretistischen Aberglauben verbunden und die Pseudoreligion des New Age, wo Messiasse und Propheten die folgende Botschaft verbreiten: das Neue Zeitalter, das Goldene Zeitalter, das Wassermann-Zeitalter… hat bereits begonnen. Auf amerikanischem Boden, natürlich. Amerika hat die Welt vor ihrer Geschichte und geschichtlichen Hoffnungslosigkeit gerettet, denn Amerika ist im Besitz ihrer Bedeutung – die „Gründerväter“ und „Neue Erde“. So wie Christen am Mysterium des Opfers Christi teilnehmen, indem sie bei der Kommunion Brot und Wein nehmen, schließt die Teilnahme an den amerikanischen Mysterien das Trinken von Coca Cola und den Verzehr des Essens von McDonalds ein.

Es ist allerdings interessant, daß Christoph Kolumbus, die erste wahrhaft mythische Figur der „Neuen Welt“, verkündete: „Gott machte mich zum Vorboten eines neuen Himmels und einer neuen Erde, wobei wir über die Offenbarung des Johannes sprechen […] Er zeigte mir, wo sie zu finden sind.“

Amerika – das Königreich des Antichristen

Es gibt eine Zurückentwicklung zur Mentalität des Alten Testaments (Amerikaner sind, wie die alten Israeliten, das „auserwählte Volk“, und Amerika war in den Gedanken der ersten Siedler, freiwilliger Flüchtiger aus Europa – was Ägypten ist – ihr „gelobtes Land“, „Neues Kanaan“), religiöse Mentalität wurde in weltliche, laienhafte Begriffe übertragen, und mit der Übersetzung des Eschatologischen in den utopischen Raum. Amerika hat seine messianischen Ansprüche nicht widerrufen. Tatsächlich scheinen die messianischen Ambitionen der glücklichen „Insel Utopia“ in direkter Proportion zur Säkularisierung und Entchristianisierung der „Neuen Welt“ zu wachsen und erreichen dabei groteske Ausmaße.

Auf der einen Seite erfolgt der Prozeß der Säkularisierung und Entchristianisierung in Amerika schneller und radikaler als in jedem anderen Teil der Welt, auf der anderen Seite steht der Fakt, daß Amerika immer noch ein utopischer Raum ist, vielleicht sogar mehr als je zuvor, was zu einem paradoxen Ergebnis geführt hat. Die lange Linie der Utopien schließt ab mit der „Neuen Weltordnung“ (welche Fukuyama in „Das Ende der Geschichte“ erwähnt) – „Ordnung“, was in vielen Aspekten nicht nur radikal antichristlich, sondern ganz allgemein radikal antitraditionell ist. Das bestätigt jene, welche in Amerika heute „das Königreich des Antichristen“ erkennen, oder wenigstens die Schöpfung von etwas Menschlichem und Vergleichbarem. Dieses Motiv, welches zunehmend an Halt gewonnen hat, nicht nur unter Nichtamerikanern, sondern auch im christlichen Amerika – wird, unserer Ansicht nach, in der nahen Zukunft rasch an Bedeutung gewinnen – und wird diesen kurzen Ausflug durch die mythischen Räume des „andersweltlichen“ Amerika beenden.

Aus dem Englischen übersetzt von Ruedi Strese

Unser Autor: Der serbische Schriftsteller und Publizist Boris Nad wurde 1966 in Vinkovci, Slawonien, geboren. Er studierte in Zagreb und Belgrad und schloß das Studium an der Universität Belgrad ab. Er hat mehrere Bücher mit Dichtung, Prosa sowie zu philosophischen und geopolitischen Themen veröffentlicht, außerdem zahlreiche Essays und Artikel in verschiedenen Zeitschriften.

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Kategorie: Allgemein, Kultur

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