Boris Nad – Slawonien

| 28. April 2016 | Kommentieren
Der Papuk, zweithöchster Berg Slawoniens

Der Papuk, zweithöchster Berg Slawoniens

Ein literarischer Beitrag

Von Boris Nad

Das Maschinengewehr schnaufte vom Dach des hohen Silos, welches einem makabren und monströsen Turm glich; seltsame Flammen warfen Lichter auf die Ebene. An diesem Abend trafen zwei Bomben das Silo, und das Korn begann zu brennen. Die zweiten, schwächeren Feuer schwelten in der Stadt, und ihre Reflektionen vibrierten auf der Oberfläche des trägen Flachlandflusses, glatt wie Öl. Dies waren überhaupt die einzigen Lichter in der Stadt, welche seit zwei Tagen ohne elektrisches Licht lebte – sie sahen aus wie eine Art dämonischer Beleuchtungen. Hier und dort, in Seitengassen, war es noch möglich, die Körper der Toten zu sehen, welche Jungs in blauen Polizeiuniformen auf Trucks luden. Der traurigen Arbeit des Gerichtsmediziners folgten Lachen und Fluchen.

Der Rauch stieg in der Nacht ohne jeden Luftzug in einer nahezu geraden Linie auf. Über den Weizenfeldern hallte wütendes Infantriefeuer. Aus dem Dunkel der Wälder aufleuchtend, spuckten Kanonenrohre mit lautem Gebrüll in die Luft. Von den Panzermotoren kam ein monotones Donnern, welches, wie Wolken von Baumwolle, alle menschlichen Stimmen unterdrückte. Die Landschaft hatte ihre friedliche Erscheinung verloren und erhielt durch die Nacht ein neues, ein wildes und erschreckendes Aussehen. Niemand hegte Hoffnungen, daß die Feuer, welche in der Nacht leuchteten, anders als durch Blut gelöscht werden könnten. Niemand wußte, daß der Krieg, der gerade erst begonnen hatte, die nächsten vier Jahre dauern und geplünderte, verbrannte Dörfer und nahezu verwüstete Städte hinterlassen würde. Enden würde mit einer langen, sich über Kilometer erstreckenden Kolonne voll weinender Kinder und von Frauen und Männern mit von der Sonne gegerbten Gesichtern, in zerrissenen Tarnuniformen. Die Geschichte hat einen Kreis beschrieben, der geschlossen wurde, beendet durch die Niederlage des Volkes, welches seine Häuser verlassen mußte, zur Abwanderung, nicht mit dem Tod.

Die Eichenwälder ruhen friedlich, gestört nur durch den gedämpften Donner ferner Explosionen. Von der Donau steigt der Wind auf und bringt das Gefühl frischen Wassers. Unter dem Schatten der Bäume waren nachts Armeen versammelt. Eine Stadt, die einst verbrannt wurde, hatte einen malerischen Namen – Palina. Da war wie immer der Limes, die Grenze, die militärische Begrenzung, und nicht nur zur Zeit der Österreichisch-Türkischen Kriege, sondern in der Ära von Byzanz und Rom, und vielleicht viel früher. Im schlammigen Bodengrund liegen stille Gräber. Niemand hat je eine ordentliche Geschichte dieses Königreiches geschrieben, welches Slawonien genannt wurde.

Aus dem Englischen übersetzt von Ruedi Strese

Unser Autor:
Der serbische Schriftsteller und Publizist Boris Nad wurde 1966 in Vinkovci, Slawonien, geboren. Er studierte in Zagreb und Belgrad und schloß das Studium an der Universität Belgrad ab. Er hat mehrere Bücher mit Dichtung, Prosa sowie zu philosophischen und geopolitischen Themen veröffentlicht, außerdem zahlreiche Essays und Artikel in verschiedenen Zeitschriften.

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Kategorie: Allgemein, Kultur

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