Brexit bisher ohne negative ökonomische Konsequenzen

| 29. Januar 2017 | Kommentieren

Auch Grexit könnte sich lohnen

London/Athen – Die Gegner des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union haben im Vorfeld vor allem mit wirtschaftlichen Horrorszenarien vor einem Brexit gewarnt. Sie prognostizierten, dass der Handel mit dem Festland zum Erliegen kommen und dass London seine Rolle als Finanzplatz verlieren würde. Nichts davon ist bisher eingetreten.

Im Gegenteil: Laut dem nationalen Statistikamt ONS ist die britische Wirtschaftsleistung im letzten Quartal des zurückliegenden Jahres sogar um 0,6 Prozent gewachsen. Im Quartal davor hatte das Wirtschaftswachstum auf der gleichen Höhe gelegen. Die Erwartungen der Analysten wurden somit jeweils übertroffen.

Auch der vorhergesagte Schockzustand ist in der britischen Wirtschaft bisher nicht eingetreten. Der Konsum ist auf der Insel robust geblieben. Nun wird es vor allem auf die Verhandlungen über die konkreten Details des Austritts aus der EU ankommen, in welchem Maße Großbritannien unter dem Brexit zu leiden haben wird. Das Beispiel Schweiz, das auch von den Brexit-Befürwortern in der Kampagne zur Volksabstimmung immer wieder ins Feld geführt wurde, verdeutlicht, dass auch ein europäischer Staat, der weder Mitglied der EU, der Euro-Zone noch der NATO ist, wirtschaftlich prosperieren kann.

Ein anderes Land, über dessen Austritt oder gar Ausschluss zumindest aus der Euro-Zone in den letzten Jahren immer wieder heiß diskutiert wurde, könnte die optimistisch stimmenden Erkenntnisse aus Großbritannien zum Anlass nehmen, einmal ergebnisoffen über eine neue Weichenstellung nachzudenken. Trotz massiver und sozial einschneidender Reformen ist es Griechenland in den vergangenen Jahren nicht gelungen, die Schuldenkrise zu überwinden. Athen hängt am Tropf der internationalen Finanzmärkte – bisher ohne jegliche Aussicht auf eine nennenswerte Verbesserung der Situation.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat nun in seiner gewohnt oberlehrerhaften Art wieder einmal kritische Worte in Richtung Athen gesandt. Schäuble wörtlich: „Ich weiß nicht, was die griechische Regierung sich dabei denkt, dass sie bis jetzt nicht das getan hat, wozu sie sich so oft verpflichtet hat.“ Im Jahr 2015 war beschlossen worden, im Gegenzug zu radikalen Reformen in Griechenland bis zum Jahr 2018 86 Milliarden Euro und Schuldenerleichterungen in Aussicht zu stellen.

Schäuble dürfte mit seinen Äußerungen weniger die Griechen im Blick haben als die Wähler in Deutschland. Denn bis zum September, wenn der Bundestag neu gewählt wird, können Schäuble und Co. keine Berichte über weitere, notwendig werdende Rettungspakete für Griechenland gebrauchen.

Die Griechen wären hingegen gut beraten, darauf keine Rücksicht zu nehmen und stattdessen genau zu beobachten, wie sich die britische Wirtschaft trotz (oder vielleicht sogar wegen) des Brexits entwickelt und sich an den Briten ein Vorbild zu nehmen.

Von Torsten Müller

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Kategorie: Allgemein, Politik

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