Das Geschäftstreffen – eine Kurzgeschichte von Ruedi Strese

| 28. August 2016 | Kommentieren

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Kormoran am Mainufer

Kormoran am Mainufer

Ich hatte am frühen Morgen in Hannover den erstbesten Zug genommen und war nun in Frankfurt gelandet, wo ich am Mainufer entlang spazierte. Es war ein sonniger, warmer Tag und ich hatte kein besonderes Anliegen, als ich an der dicht mit Bäumen bewachsenen Halbinsel vorbeilief. Ein Vogelparadies, mitten in der Sodom und Gomorrha vielleicht ähnlichsten deutschen Stadt. Nilgänse und Graugänse schnatterten und fauchten aufgeregt durcheinander, ein Kormoran putzte sein Gefieder; in den Wipfeln standen zwei Silberreiher. Über mir kreisten Möwen.

Ich langte in meinen Rucksack, um sie mit Heringen zu füttern, als es mir plötzlich einfiel: ganz absichtslos war ich doch nicht nach Frankfurt gereist, denn für meine Reise gab es zwei Gründe, welche mich unterbewußt hierher gebracht haben dürften. Der eine war ein Geschäftsabschluß, der andere eine Frau.

Ich hatte diese hier vor einigen Jahren kennengelernt, wir hatten gemeinsam Kunst studiert und waren damals eine lose, doch leidenschaftliche Beziehung eingegangen. Nun wohnte sie in Frankfurt, und mir kam, wie aus dem Nichts, die Idee, sie zu besuchen und ihr einen Heiratsantrag zu machen. Warum auch nicht? Was sein sollte, würde sein.

Anschließend würde ich einen Kunsthändler treffen, der kürzlich bei einer Ausstellung eines meiner Bilder gekauft und mir seine Visitenkarte gegeben hatte, und dem ich nun einige weitere meiner Bilder zu verkaufen gedachte. Einen Hefter mit Fotos der Werke hatte ich glücklicherweise immer dabei.

Ich fuhr einige Stationen mit der U-Bahn und gelangte zu dem Haus, in welchem meine Freundin wohnte. Ich klingelte und wurde hereingelassen. Als sie mich vor ihrer Wohnungstür stehen sah, mit einem Strauß roter Rosen, wirkte sie etwas verlegen.

„Ich freue mich ja, dich zu sehen, aber momentan ist es nicht so günstig; mein Lebensgefährte ist gerade hier. Ich möchte ihm ungerne über uns erzählen müssen. Aber nun ja… jetzt, wo du hier bist, kannst du also auch ruhig reinkommen.“
Ich trat in die trotz ihrer Lage in einem Neubaugebiet durchaus geschmackvoll eingerichtete Wohnung, mir fiel ein kleiner Jugendstil-Leuchter auf, den ich ihr damals zum Geburtstag geschenkt hatte. Im Wohnzimmer saß, bequem ausgebreitet und freundlich, doch verwirrt grinsend, mein Kunsthändler. Den wollte ich nachher eh treffen, dennoch war mein erster Gedanke nicht unbedingt, daß dies praktisch sei.

„Herr Schrader?“ fragte er.
„Ja, und Sie sind Herr Wahlheim, oder?“
„Ja, richtig. Ich muß zugeben, daß ich nicht mit Ihnen gerechnet hätte, also, nicht an diesem Ort. Oder sind Sie so in Geldnot, daß Sie mich sogar bei meiner Freundin besuchen, um Ihre Bilder verkaufen zu können? Also – das sollte nur ein Scherz sein, nehmen Sie es mir nicht krumm. Ein dummer Scherz, natürlich. Aber wie kommt es, daß wir uns ausgerechnet hier wiedersehen?“
„Sie wissen, daß Susanne und ich früher regelmäßig Sex hatten? Sogar an der Universität?“
„Martin, das ist doch nun wirklich Schnee von gestern“ zischte sie.
„Ich meine ja nur, ich komme hierher, voll schöner Erinnerungen, will dir einen Heiratsantrag machen und da sitzt dieser Kerl in deiner Wohnung.“
„Ja, und ich finde nicht, daß du ihn als ‚Kerl‘ betiteln solltest. Er heißt Thomas, ist ein ordentlicher Mensch, er sorgt für mich und ist überdies ein großer Kunstkenner. Er hat letztens sogar deine Bilder über den grünen Klee gelobt, und du fängst hier an, ihn anzupöbeln!“
„Laß nur, Susanne“ meinte er „ich kann das ja verstehen.“
„Ich sage Ihnen etwas: mich hat Susanne geliebt. Das wird Ihnen wohl kaum passieren. Und wissen Sie, wo wir es überall getan haben, und wie oft?“
„Ich muß das wirklich nicht wissen. Es interessiert mich im Grunde überhaupt nicht. Malen Sie doch bitte weiter Ihre Bilder, ich würde diese auch weiterhin kaufen, und verschonen Sie mich mit Ihren privaten Geschichten, sofern es nicht für das Kunstpublikum relevant ist.“
„Wissen Sie, wem die Brüste gehören, auf diesem Bild, welches Sie gekauft haben? Sie ahnen es! Und wissen Sie, was wir danach getan haben? Sie ahnen es!“
„Ich sehe solche Dinge professionell. Das ist ja für Ihre Biographie durchaus interessant, ich werde diese Informationen mit in meinen Katalog schreiben, wenn Sie damit einverstanden sind, Herr Schrader.“
„Aber sicher.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das möchte“ meldete sich Susanne zu Wort.
„Schatz, halt dich bitte da raus, ich verhandele gerade mit Herrn Schrader über geschäftliche Dinge, von denen du nichts verstehst.“
„Mir reicht es mit euch beiden!“ fand sie plötzlich und ging hinaus.
„Wissen Sie, Herr Wahlheim, ich liebe sie in solchen Momenten, wissen Sie, was ich da denke?“
„Nun ja, ich ahne es, aber so genau wissen möchte ich es ja gar nicht.“
„Ja, richtig. Wir sind ja schließlich hier, um über meine Bilder zu verhandeln. Glücklicherweise habe ich meinen Katalog dabei.“

Ich holte diesen und setzte mich neben Herrn Wahlheim.

„Schauen sie, dieses Bild ist aus dem Jahr 2009. Es zeigt Susanne als Akt auf dem Küchentisch, wie sie gerade auf ihren Liebhaber, also mich, wartet. Sind das nicht wunderbare Brüste? Also, wenn Sie damit einverstanden sind, würde ich Ihnen Susanne gerne wieder ausspannen.“
„Ich muß zugeben, daß mir dieser Pinselstrich ausgezeichnet gefällt, roh und kraftvoll. Es hat etwas Barbarisches, eine sehr dunkle, leidenschaftliche Fassung von Impressionismus. Man könnte Sie als einen neuen Walter Sickert bezeichnen, das ist ja wirklich brilliant!“
„Herr Wahlheim, ich gebe Ihnen das Bild, wenn Sie mir Susanne überlassen.“
„Also, da muß ich wirklich nicht lange überlegen, es handelt sich hier um ein einmaliges Meisterwerk – Ihr Umgang mit Licht und Schatten, ganz außergewöhnlich – also, ja, ich nehme Ihr Angebot an.“
„Es freut mich, daß wir uns einig geworden sind.“
„Aber gerne doch, Herr Schrader. Ich lasse Sie jetzt mit Susanne alleine, schicken Sie mir doch bitte demnächst das Bild zu. Meine Adresse haben Sie ja, sie stand auf meiner Visitenkarte.“
„Aber sicher!“

Wir verabschiedeten uns freundlich und mit zahlreichen Bezeugungen der gegenseitigen Wertschätzung.
Anschließend kam Susanne wieder ins Zimmer.

„Wo ist Thomas?“

Ich erklärte ihr in Kürze freudestrahlend, was ich zu unseren Gunsten hatte aushandeln können.
Kurz darauf saß ich wieder im Zug nach Hannover. Ich hatte einen Tag in Frankfurt verbracht und dort eines meiner besten Bilder verschenkt.

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Kategorie: Allgemein, Kultur

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