„Der Kulturabbau ist nicht zufällig” – Im Gespräch mit Christian Glowatzki

| 26. August 2016 | Kommentieren

Komponist neuer Lieder im Volkston

Christian Glowatzki

Christian Glowatzki

Der in Mittelfranken lebende Komponist Christian Glowatzki ist mit einem sehr ambitionierten Projekt an die Musikwelt herangetreten. Das Album „Die Zeit legt ab ihr altes Kleid“ vereint eine Reihe von Kompositionen, welche sich am Volkslied orientieren und vielleicht auch Volkslieder werden könnten. Die Texte stammen von früheren und zeitgenössischen Dichtern, darunter Josef Weinheber, Uwe Nolte, Rolf Schilling und Uwe Lammla. Nortexa hatte einige Fragen zu den Hintergründen.

Das Gespräch führte Ruedi Strese

Nortexa: Ihre CD „Die Zeit legt ab ihr altes Kleid“ bietet „Lieder im Volkston nach zeitgenössischen Dichtern“. Was ist das Anliegen dieses Projekts?

Glowatzki: Es gibt zwei wesentliche Punkte. Zum Einen ist es meine Musiksprache. Ich kann das jetzt nicht ausführlich darlegen. Es geht mir darum, eine Musiksprache zu schaffen, die atonale und tonale Elemente in einer musikalischen Struktur vereint. Naturgemäß ist das atonale Element bei Volksliedern sehr gering – wenn es überhaupt auftaucht. In meinen Konzert-Kompositionen und Kantaten ist davon deutlich mehr zu spüren. So bilden meine Konzertkompositionen den einen Pol meiner Musiksprache, hier überwiegen die atonalen Elemente und die Volkslieder bilden den anderen Pol. Alles aber ist aus ein und demselben musikalischen Denken geschaffen.

Zum anderen ist es ja so, daß Volksgesänge im Allgemeinen seit Menschengedenken Ausdruck von Kultur und Leben waren. Schon im ersten Buch der Bibel ist von Singen und Musizieren die Rede. Letztlich ist ein Volkslied etwas, was in einer bestimmten Zeit für eine bestimmte Zeit entsteht. Es ist Ausdruck einer gewissen Identität. Das ist uns heute ein wenig verloren gegangen. Zumal das Volksliedgut überhaupt nicht mehr gepflegt wird. 1921 schrieb Leo Kestenberg noch davon, daß die Musikpflege zu unseren „seelischen Lebensnotwendigkeiten, zu unserem schönsten, unveräußerlichen Besitz“ gehört. Das scheint man in den letzten Jahrzehnten vergessen zu haben. Dies wieder in die Erinnerung zu rufen, habe ich begonnen, Neue Volkslieder zu schreiben.

Christian Glowatzki mit dem Dichter und Musiker Uwe Nolte (Copyright Christine Mey)

Christian Glowatzki mit dem Dichter und Musiker Uwe Nolte (Copyright Christine Mey)

Nortexa: Es finden sich in nicht unwesentlicher Zahl Vertonungen von Gedichten, welche im Arnshaugk Verlag erschienen sind, mit Autoren wie Rolf Schilling, Uwe Nolte und Uwe Lammla. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Glowatzki: Ich habe jahrelang gesucht nach Dichtung, die sich für solche eher schlichten Lieder eignet. In Buchläden gab es nichts. Was an Dichtung Mainstream ist, läßt sich schon auch vertonen. Aber eher als Neue-Musik-Theater. Wer vom Volk will das schon singen. Ich brauchte für dieses Projekt Dichtung, die sich reimt. Und nach längerer Zeit des Suchens bin ich auf den Arnshaugk-Verlag gestoßen. Ich habe Herrn Lammla einige Mal besucht. Es ist wirklich erstaunlich und auch wunderbar, was er an Dichtung alles zu bieten hat. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Gedichte gelesen, wie seit dem Kennenlernen dieses wunderbaren Verlages in Thüringen.

Nortexa: Wann eignet sich ein Gedicht zur Vertonung im Volksliedstil?

Glowatzki: Der Anspruch der Musik setzt bestimmte Strukturen in der Dichtung voraus. Oder andersrum gedacht: Bestimmte Formen von Dichtung fordern bestimmte musikalische Formen. Beides soll ja eine organische Einheit ergeben. Wenn es also ein Volkslied sein soll, muß die Dichtung eine relativ regelmäßige Struktur aufweisen. Das hat schon Einfluß z. B. auf Rhythmus und Melodik. Es kann interessant sein, wenn die regelmäßige Struktur an manchen Stellen, des Inhalts wegen, durchbrochen wird. Im Großen und Ganzen aber sollte ein Volkslied-Gedicht gleichmäßige Verse aufweisen. Und es sollte sich reimen.

Nortexa: Sie sind klassisch ausgebildeter Musiker. Die Orientierung am Volkslied ist eine überaus romantische Tradition, Schumann und Schubert fallen einem zunächst ein. Sehen Sie dort Ihre Bezüge?

Glowatzki: Hier zwei Dinge: Meine kompositorische Ausbildung hatte zum größten Teil atonale Musik zum Inhalt. Und ich muß auch wirklich sagen, daß ich sehr gerne atonal komponiere. Beispiele dafür können sein mein Klarinettenquintett für das Richard-Strauss-Fest in Würzburg im Jahr 2014, das ich im Auftrag des Tonkünstlerverbandes Würzburg geschrieben habe. Oder meine „Bogengänge“ für Akkordeon und Orgel, die im Rahmen des Originaltöne-Festivals in Berlin-Neukölln von den Finnen Veli und Susanne Kujala uraufgeführt wurden. Oder auch mein Trio für „Baryton, Viola und Violoncello“, das vor einigen Jahren im Münster zu Heilsbronn uraufgeführt wurde.

Auf der anderen Seite ist mir die Musik Bachs das Größte überhaupt. In diesem Zusammenhang muß ich die Bach-Forschung Prof. Christoph Bosserts erwähnen. Er hat in den Jahrzehnten seiner Forschung Dinge herausgefunden und entdeckt, die, veröffentlicht, die moderne Welt mit ihrem albernen Relativismus infragestellen werden.

Christian Glowatzki

Christian Glowatzki

Zum Volkslied selbst, das wäre nun eigentlich der größte Bereich, muß man sagen, daß immer schon Volksgesänge identitätsstiftend waren. Seit Jahrtausenden haben die Musik und die Gesänge eines Volkes zu seinem Zusammenhalt beigetragen. Volksgesänge sind Ausdruck und Plattform der kulturellen, religiösen und ethnischen Identität. Das Volkslied des 19. Jh. im Speziellen ist natürlich ebenfalls aus seiner Zeit heraus entstanden. Es hat die kulturellen und politischen Umstände seiner Zeit aufgegriffen und verarbeitet. Nichts anderes möchte ich machen. Unsere Zeit bietet genügend Potential, um massenhaft Lieder aus dem Heute für das Heute zu schreiben. Sie müssen nicht alle von Politik handeln. Das wäre auf die Dauer langweilig. Denn das Leben besteht noch aus anderen Dingen. Aber Politik gehört in die Lieder ebenso hinein wie Liebe, Arbeit, die Jahreszeiten, der Tod, der Glaube, Ungerechtigkeit oder Hunger.

Nortexa: Wie waren eigentlich die Reaktionen im Klassikpublikum auf Ihre „Lieder im Volkston“?

Glowatzki: Ich möchte es ausweiten. Nicht nur das Klassikpublikum, sondern übergreifend, alle Genres betreffend bin ich durchweg auf Zustimmung gestoßen.

Ein Beispiel aus den Anfängen: Ich hatte vor mehr als zwei Jahren versuchsweise 3 meiner Lieder in ein Konzertprogramm genommen. Wir gaben neben meinen Liedern Kompositionen von Richard Strauss, Samuel Scheidt, J. S. Bach und einigen anderen. Aber auf meine Lieder hat man mich im Besonderen angesprochen.

Mir zeigt auch, daß sowohl regionale als auch überregionale Zeitungen und Zeitschriften sich für meine Lieder interessieren, daß sie besonders sind. Der Bayerische Rundfunk hatte ein Interview mit mir gemacht; auch hat die nmz (neue musikzeitung) ein Portrait von mir abgedruckt.

Es ist aber auch kein Wunder. Lieder in diesem Sinne macht kaum jemand. Manche Komponistenkollegen fragen mich, warum ich „nun ausgerechnet sowas“ schreibe. Aber meine Lieder treffen auf Zustimmung. Sie treffen offenbar einen Nerv der Zeit.

Nortexa: Sie scheinen eine gewisse Affinität zum sogenannten Neofolk zu besitzen. Inwieweit sehen Sie hier eine Anknüpfung an Volksliedtraditionen?

Glowatzki: Das ist nur teilweise richtig. Ich denke, daß Volkslieder, aus der Zeit und für die Zeit entstanden, auf allen möglichen Levels singbar sein sollten. So habe ich Kontakte aufgenommen zu Gesangsvereinen, Chören und Musikern aus anderen Genres. So kam auch eine Verbindung zum Neo-Folk zustande. Ich könnte mir auch vorstellen, daß meine Lieder im Stile von Metal-Bands gesungen werden. Das Wichtigste ist mir, daß wir, unser Volk, eine Möglichkeit finden, unserer Identität eine Plattform zu bieten.

Nortexa: Deutsche Volkslieder sind immer weniger bekannt, werden immer weniger an Schulen gelehrt. Worin sehen Sie die Gründe dafür?

Christian Glowatzki

Christian Glowatzki

Glowatzki: Es gibt seit Jahrzehnten einen generellen, nicht zufälligen Kulturabbau. Das beinhaltet, daß in den Bildungssystemen auf unsere jahrtausendealte Kultur nicht mehr oder nur sehr unzureichend eingegangen wird. Man beschränkt die Geschichte Deutschlands auf ein paar Jahr der Mitte des 20. Jh. Daraus filtert man Schuld. Adorno meinte einmal, daß man nach 1945 in Deutschland keine Gedichte mehr schreiben kann. Er hat sich geirrt. Niemand kann uns, die wir das Volk der Dichter und Denker sind, das Dichten und Denken verbieten.

Das Verkommen der deutschen und europäischen Kultur, das Sterben der Gesangsvereine, der Kulturvereine, die Überalterung kultureller Institutionen ist kein Zufall. Die Frage ist, wie man dieser Entwicklung entgegentreten kann. Die Ursachen für die Entwicklungen herauszufinden sollten andere. Ich bin Musiker und lebe da in meiner Welt.

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Damals war es genauso, wie es sich heute anfühlt. Der einzige Unterschied war, daß der Internationale Sozialismus der DDR auf Bildung gesetzt hat. Heute wird auch das Bildungsniveau, wo immer es geht, gedrückt.

Nortexa: Hat das deutsche Volkslied eine Chance auf Wiedergeburt? Oder wird es eine Nischenerscheinung bleiben?

Glowatzki: Das denke ich schon, daß es wieder aufleben wird. Der Hunger nach diesen Liedern ist ja da. Das zeigt auch, warum meine Lieder erfolgreich sind. Ich selbst hätte das gar nicht so erwartet. Aber wo auch immer ich ein Konzert mit meinen Liedern mache oder einen Vortrag halte ist die Resonanz groß. Ich denke, das Neue wird sich etablieren, womöglich einige Entwicklungen oder Abwandlungen erfahren. Aber das ist ja in Ordnung, davon lebt das Volkslied.

Nortexa: Ist in absehbarer Zeit mit weiteren Produktionen von Ihnen zu rechnen? Woran arbeiten Sie gerade?

Glowatzki: Wir arbeiten momentan an einer zweiten „Lieder im Volkston“-CD inklusive Liederbuch. Lieder sind genug vorhanden. Allein letztes Jahr habe ich knapp 70 Lieder geschrieben. Ansonsten habe ich Kontakt aufgenommen zu Bands und anderen Musikern, die nicht aus der Ernsten Musik kommen. Ich glaube, daß das Projekt dadurch einen weiteren Schritt in die Breite gehen kann. Schön wäre es, wenn hier verschiedene Stile zu einem neuen, einem eigenen Stil führen würden.

Nortexa: Herr Glowatzki, wir bedanken uns für das Gespräch!

Glowatzki: Bitte. Sehr gern!

 

Zur Person: Christian Glowatzki wurde 1970 in Potsdam geboren. Er lernte zunächst das Orgelspiel bei Prof. Friedrich Meinel in Potsdam. Nach dem musikpädagogischen Abschluss am Konservatorium Würzburg legte er in der KMF Schlüchtern bei Gunter Martin Göttsche die C-Prüfung für Orgel und Chorleitung ab. Seine kompositorischen Studien betrieb er bei Joachim Schneider (Musikhochschule Würzburg). Er arbeitet als Komponist, Kirchenmusiker und Klavierlehrer und leitet Chorleiter- und Orgelseminare. Neben Werken für den Gottesdienst liegt der Schwerpunkt seiner kompositorischen Arbeit auf Neuer Musik. Mit seinen Kompositionen “3-Gang” für Klavier solo und “Kaleidoskop” für Violine solo fand er im Rahmen von Kompositionswettbewerben Aufnahme in die Sammlungen “Münchner Klavierbuch” und “Augsburger Violinbuch.” Im Jahr 2015 veröffentlichte er im Arnshaughk-Verlag seine CD „Die Zeit legt ab ihr altes Kleid. Lieder im Volkston nach zeitgenössischer Dichtung“. Derzeit lebt er mit seiner Familie in Mittelfranken.

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Kategorie: Allgemein, Im Gespräch

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