Der Syrienkonflikt – Im Gespräch mit Tim Anderson

| 8. Juli 2016 | 1 Kommentar

„Im Grunde ist das ein NATO-geführter Angriffskrieg“

Tim Anderson bei seinem Vortrag, Foto: NORTEXA

Tim Anderson bei einem Vortrag, Foto: NORTEXA

Der australische Politikwissenschaftler Tim Anderson zählt zu den profiliertesten akademischen Kritikern der als „Bürgerkrieg“ getarnten westlich-dschihadistischen Aggression gegen Syrien. Kürzlich stellte er in Berlin die deutsche Ausgabe seines neuesten Buches, „Der schmutzige Krieg gegen Syrien“ vor. Nortexa nutzte diesen Anlaß, um einige Fragen zu stellen.

Das Interview führte Ruedi Strese

Nortexa: Herr Anderson, wie kam es zu Ihrem Interesse an Syrien und Ihrem Engagement für eine alternative Sichtweise auf den Syrienkrieg?

Anderson: Ich war unzufrieden mit der Story der westlichen Regierungen und Medien zum Beginn des Konflikts, wie die Gewalt in der südlichen Stadt Daraa ausbrach, also begann ich mit eigenen Untersuchungen.

Nortexa: Was können Sie zum Thema Pressefreiheit und besonders zur Art der Berichterstattung zu Syrien in den australischen Medien sagen?

Anderson: In meinem Land haben wir fünf Jahre einer fast monolithischen Kriegsberichterstattung zu Syrien gesehen und eine damit verbundene Kriegszensur abweichender Sichtweisen. Obwohl ich mehr geschrieben habe als jeder andere australische Akademiker oder Forscher zum Syrienkrieg, wurde ich de facto durch die australischen korporativen und staatlichen Medien auf die schwarze Liste gesetzt, da das, was ich sage, nicht zur offiziellen Linie paßt.

Nortexa: Sie waren selbst in Syrien und haben mit Präsident Assad gesprochen. Was war Ihr Eindruck von ihm? Was sind seine Absichten?

Anderson: Er ist ein gut gebildeter Mann, sensibel gegenüber dem psychologischen Schaden, der seinem Land zugefügt wird. Er sagte uns, er wäre sehr besorgt über den Einfluß, den das Mitansehen von Grausamkeiten und das Hören religiöser Begründungen für solche Grausamkeiten auf Kinder hätte. Es gibt keinen Zweifel, daß seine Regierung – pluralistisch und umschließend, wenn autoritär – im syrischen Volk populär ist und den al-Kaida-Gruppen, welche die westlichen Mächte gegen ihn gesandt haben, um Jahrhunderte voraus ist.

Nortexa: Wie stark sind sunnitische Extremisten innerhalb der einheimischen syrischen Bevölkerung? Haben sie unter Syrern überhaupt wirkliche Unterstützung?

Anderson: Ich denke nicht, daß es richtig ist, zu sagen, die extremistischen Gruppen in Syrien oder im Irak würden sunnitische Muslime repräsentieren. Es gibt viele gefälschte westliche Erhebungen zur Frage, welche Unterstützung sie haben; die meisten davon sind parteiisch und durch ihre Probenahme korrumpiert. Fast allen ging es darum, ein gewisses Maß an syrischer Unterstützung für eine ausländische Intervention zu belegen.

Allerdings zeigte eine wirklich unabhängige Erhebung einer türkischen Gruppe von Ende 2011 bis Anfang 2012 eine Zustimmung von weniger als 5% für bewaffnete Angriffe auf den Staat. Abgesehen von der Muslimbruderschaft hat die wirkliche ‚Opposition‘ in Syrien (die politische Reformen anstrebt) eine dschihadistische Strategie seit langem verworfen. Ebenso haben sie ausländische Unterstützung für eine gewaltsame Erhebung abgelehnt. Sie können dies in der ‚Erklärung von Damaskus‘ aus dem Jahr 2005 sehen.

Nortexa: Unter den Syrern, die das Land verlassen und nach Europa kommen, ist ein überwältigender Anteil junger Männer. Es scheint auch, daß ein erwähnenswerter Teil darunter sunnitische Extremisten sind. Wie ist die Meinung der durchschnittlichen Syrer über diese Menschen?

Tim Anderson: Der schmutzige Krieg gegen Syrien

Tim Anderson: Der schmutzige Krieg gegen Syrien

Anderson: Tatsächlich ist der erste Teil nicht zutreffend. Die Daten der UNHCR zu syrischen Flüchtlingen (fast 5 Millionen) zeigen Geschlechtergleichheit. Allerdings ist es sicherlich wahr, daß bestimmte Meinungsumfragen (wie jene, welche von der US-UK-finanzierten Syrienkampagne in Deutschland veranstaltet wurde) überwiegend junge Männer erfaßte, und junge Männer, die aus dschihadistisch besetzten Gebieten gekommen sind. Das ist ein Schlüsselfaktor, der eine tiefe Voreingenommenheit zeigt.

Natürlich lehnen die meisten Syrer die Dschihadisten ab (sie nennen sie alle Daesh), einschließlich vieler Syrer, die die Regierung nicht unterstützen. Wir können das sogar aus westlichen Interviews mit dschihadistischen Kämpfern in Aleppo von 2012 sehen. Obwohl Aleppo vielleicht zu 90% sunnitisch ist, beschwerten sich die Kommandeure der FSA, daß alle Menschen gegen sie wären und Informationen über die Dschihadisten an die Armee bzw. Regierung gäben.

Nortexa: Könnte es sein, daß die Ansicht, es kämen größtenteils junge Männer nach Europa und es herrsche zahlenmäßig Geschlechtergleichheit unter den syrischen Flüchtlingen sich nicht unbedingt widersprechen müssen, wenn wir von einem höheren Anteil an Frauen und Kindern in den Lagern in Jordanien, der Türkei und dem Libanon und unter Binnenflüchtlingen ausgehen?

Anderson: Da bin ich mir nicht sicher.

Nortexa: Wie erklären Sie, daß Israel und Hamas gegen Syrien faktisch Verbündete wurden?

Anderson: Die Verbindungen zwischen Hamas und Muslimbruderschaft wurden 2011-12 stärker. Die Führung der Hamas hat Damaskus für Katar verlassen, einem Hauptfinancier der „Revolution“. Israel wiederum hat stets (insgeheim) die Muslimbruderschaft gegenüber den Nationalisten bevorzugt, denn die Islamisten greifen zuerst die Nationalisten an, bevor sie sich gegen einen externen Feind wenden (in Palästina wie überall sonst). Aber grundsätzlich haben die mit den Saudis verbündeten Gruppen in diesen Tagen viel mit Israel gemein, denn beide wollen die Achse Iran-Syrien-Hisbollah schwächen.

Nortexa: Israel scheint nun die Idee eines unabhängigen Kurdistan zu unterstützen, dabei provoziert es auch seinen eigenen Verbündeten Türkei. Was ist der Grund dafür?

Anderson: Jeder weitere sektiererische Staat in der Region würde dazu beitragen, Israel ’normaler‘ aussehen zu lassen.

Nortexa: Offiziell sind die Hisbollah und die Syrische Arabische Armee Verbündete in der „Achse des Widerstands“, doch in letzter Zeit gab es Gerüchte über Konflikte zwischen diesen. Was ist davon wahr und wie ist das zu erklären?

Anderson: Falsche Gerüchte, vermutlich von Israel gestreute Desinformation. Die Hisbollah ist extrem diszipliniert. Ich glaube nicht, daß es irgendeinen signifikanten Konflikt zwischen diesen beiden engen Verbündeten gegeben hat.

Nortexa: Denken Sie, die USA unter einem Präsidenten Donald Trump könnten das Spiel verlassen?

Anderson: Ja. Doch auch unter Clinton werden die USA schließlich rausgehen müssen. Trump würde die USA schneller aus Syrien und dem Irak rausbringen.

Nortexa: Wie wird Syriens Zukunft aussehen? Denken Sie, die Friedensverhandlungen könnten Erfolg haben?

Anderson: Diese Friedensverhandlungen haben einige begrenzte Waffenstillstände hervorgebracht, besonders um Damaskus herum, wo sich die Dschihadisten immer noch verschanzt haben, doch nun schwächer sind. Es hat seit Februar oder März dieses Jahres kaum dschihadistische Bombenangriffe auf Damaskus gegeben. Auf lange Sicht werden die Friedensverhandlungen notwendig sein, um den USA zu helfen, einen Weg für einen Rückzug ohne Gesichtsverlust zu finden. Das Abkommen mit dem Iran ist ein wichtiger Präzedenzfall, und Herr Putin hat das diplomatische Geschick, um einen ähnlichen Rückzieher bei Syrien zu unterstützen.

Nortexa: Dieses Jahr erschien Ihr Buch „Der schmutzige Krieg gegen Syrien“, nun auch auf Deutsch. Wie waren die bisherigen Reaktionen?

Anderson: Ich hatte während meiner wenigen Tage in Deutschland eine positive Resonanz erfahren. Doch diese kam hauptsächlich von Linken, die gegen den Krieg waren. Ich glaube, der größere Anlaß zur Sorge für Deutsche ist die NATO-Osterweiterung, also scheint es mir wichtig, den Krieg gegen Syrien mit dieser Sorge in Verbindung zu bringen.

Nortexa: Ein paar Schlußworte an die Deutschen, die sich für Angelegenheiten des Nahen Ostens interessieren?

Anderson: Ich denke, es ist wichtig für die Deutschen, in der internationalen Sphäre ihre eigene Stimme zu finden und bei beunruhigenden Schlüsselfragen nicht nur die atlantische oder amerikanische Linie zu wiederholen. Ich war zum Beispiel sehr glücklich, bestätigt zu finden, daß die meisten Deutschen sich eine freundliche Beziehung mit Rußland wünschen. Ich glaube, dies bedeutet, daß sie, wenn sie wirklich die Wahrheit über den Krieg gegen Syrien wüßten, mit dem Widerstand des syrischen Volkes gegen das, was im Grunde ein NATO-geführter Angriffskrieg ist, sympathisieren würden.

Nortexa: Herr Anderson, vielen Dank für das Gespräch!

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Kategorie: Allgemein, Im Gespräch

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