Die Britischen Jungferninseln, das Mekka der Offshore-Industrie und Briefkastenfirmen

| 7. April 2016 | Kommentieren
Grafik: Hobe / Holger Behr

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Briefkastenfirmen

Von Hans Driesch

Road town – Panama steht momentan wegen der Veröffentlichung der geleakten Unterlagen der Kanzlei Mossack Fonseca im Mittelpunkt der Wirtschaftsberichterstattung. Als Offshore-Zentrum ist das kleine mittelamerikanische Land allerdings keineswegs der Weltmarktführer. Die meisten Briefkastenfirmen befinden sich in einem nochmals wesentlich kleineren Land, nämlich den Britischen Jungferninseln, einem winzigen britischen Überseegebiet am nördlichen Ende des Inselbogens der Kleinen Antillen mit einem Netz von nur 110 Kilometern an befestigten Straßen und gerade einmal knapp 30 000 Einwohnern. Auch die Veröffentlichung der „Panama Papers“ zeigt nur einmal mehr die Bedeutung der Britischen Jungferninseln als Offshore-Paradies: Von den rund 214 000 Briefkastenfirmen, deren Unterlagen nun geleakt und die im Auftrag Dritter von der panamesischen Kanzlei Mossack Fonseca gegründet wurden, haben wiederum mehr als die Hälfte ihren Sitz auf den Britischen Jungferninseln – insgesamt sollen 800 000 dieser Unternehmen ihren Sitz im besagten britischen Überseegebiet haben.

Aber was macht die Britischen Jungferninseln in dieser Hinsicht nur so interessant? Das ist einfach zu erklären: Die Inhaber der Briefkastenfirmen schätzen die Rechtssicherheit, die sich ihnen in einem britischen Überseegebiet bietet, denn als letzte Berufungsinstanz bei Rechtsstreitigkeiten bleibt ein Gericht in der britischen Hauptstadt London bestehen. Deshalb gelten auch die britischen Kaiman-Inseln als weiteres Zentrum der Offshore-Industrie, ebenfalls ein winziges Inselreich mit knapp 50 000 Einwohnern, ebenfalls in der Karibik gelegen, ebenfalls britisches Überseegebiet. Als im Januar dieses Jahres die EU-Kommission ein Maßnahmenpaket zur Bekämpfung der Steuerflucht vorlegte, tauchten dort die Kaiman-Inseln auf der schwarzen Liste der Steueroasen auf; außerdem ist die Inselgruppe der größte Hedge-Fonds-Standort weltweit. Letztlich ist die Finanzindustrie der britischen Überseegebiete eng an den britischen Finanzsektor angeschlossen. Richard Murphy, Professor für politische Ökonomie an der Londoner City University, stellte dazu unlängst fest: „Diese Inseln sind faktisch Zweigstellen der City of London. Sie sorgen dafür, dass internationale Anlagegelder nach London fließen.“

Aus diesem Grund dürfte die Veröffentlichung der „Panama Papers“ nun auch die Regierung Cameron unter Druck setzen, die jetzt schon um eine Weiterleitung der geleakten Daten gebeten hat, die wohl umfassend geprüft werden sollen. Inwiefern Großbritannien wirklich Hand an seine Steueroasen anlegen will, ist allerdings fraglich: Schätzungen, wie viel Geld „offshore“ gebunkert wird, reichen bis zu 30 Billionen Dollar, eine Summe, doppelt so groß wie die Wirtschaftsleistung der 28 EU-Staaten zusammengenommen.

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Kategorie: Allgemein, Politik

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