Ein Interview mit Manuel Ochsenreiter

| 12. Mai 2016 | Kommentieren
Manuel Ochsenreiter mit Mahmud Ahmadinedschad, dem ehemaligen Präsidenten der Islamischen Republik Iran

Manuel Ochsenreiter mit Mahmud Ahmadinedschad, dem ehemaligen Präsidenten der Islamischen Republik Iran

Teheran und die Geopolitik – Ein Interview mit Manuel Ochsenreiter

Manuel Ochsenreiter kann mit einigem Recht als einer der in geopolitischen Fragen qualifiziertesten deutschen Journalisten bezeichnet werden. Zahlreiche Auslandsreisen, gerade in Krisengebiete und Staaten, über welche in den Mainstreammedien einseitig negativ berichtet wird, trugen dazu bei. Zuletzt besuchte Ochsenreiter die Islamische Republik Iran – dazu hatten wir einige Fragen.

Nortexa: Herr Ochsenreiter, Sie sind derzeit im Iran unterwegs. Was ist der Hintergrund dieser Reise?

Ochsenreiter: Ich bin regelmäßig beruflich auf Reisen. Besonders interessant ist es aber, dorthin zu gehen, wo die westliche Berichterstattung versagt. Beim Iran ist dies zum Beispiel der Fall. Gerade für unser neugegründetes Deutsches Zentrum für Eurasische Studien ist der Iran besonders interessant, weil er als stabilisierende Regionalmacht eine ganz besondere – und in Berlin weit unterschätzte – Rolle spielt.

Nortexa: Sie halten an iranischen Universitäten Vorträge über Geopolitik. Wie sind die Resonanzen, woran sind die Iraner besonders interessiert?

Mashad Imam Reza Shrine

Mashad Imam Reza Shrine

Ochsenreiter: Die iranischen Studenten sind sehr interessiert und meist mit den geopolitischen Gegebenheiten der Region – aber auch Europas – weitaus besser vertraut als Studenten in Deutschland. Das liegt zum einen daran, daß bei uns Geopolitik einerseits nachwievor wie ein Tabu behandelt wird, und andererseits von vielen nicht ernstgenommen wird – selbst nicht nach den Erfahrungen des syrischen Krieges und der Ukraine-Krise. Im Iran – aber nicht nur dort, sondern auch in Rußland und vielen arabischen Ländern – ist man sich der Bedeutung geopolitischer Zusammenhänge bewußter. Die Iraner interessiert vor allem die westliche Sichtweise auf das iranische Militärengagement in Syrien, die Perspektiven einer strategischen Partnerschaft mit Rußland und natürlich die europäische Außenpolitik.

Nortexa: Sie sind ein gern gesehener Interviewpartner bei Press TV zu geopolitischen Fragen. Allerdings liegt Ihre Position üblicherweise fernab des deutschen Mainstream. Ist der „Exotenstatus“, den Sie hier haben, den Iranern bewußt? Wie gut ist man über die deutsche Presselandschaft informiert?

Ochsenreiter: So ist das nun einmal mit den Medien. Selbstverständlich wissen die Iraner, daß ich nicht zum deutschen Establishment gehöre – gottseidank, will ich da fast sagen. Ich glaube, daß man im Iran besser über die deutsche Presselandschaft informiert ist, als wir in Deutschland über die iranischen Medien.

Nortexa: Wie ist die iranische Haltung zum jüngsten Konflikt um Bergkarabach? Das Gebiet ist ja vom Iran gar nicht so weit entfernt.

Ochsenreiter: Die Beziehungen des Iran zu den Staaten des Südkaukasus ist sehr komplex, unterschiedliche Interessen spielen dort eine Rolle. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erklärten sich die ehemaligen Sowjetrepubliken im Südkaukasus für unabhängig – eine Veränderung, auf die man sich auch in Teheran einstellen mußte. Ein Beispiel: In Aserbaidschan gab es nach der Unabhängigkeit sofort eine einflußreiche nationalistische Bewegung, die auch die iranische Provinz gleichen Namens in ein Groß-Aserbaidschan vereinigen wollte. Strategen in Baku versuchten, in der angrenzenden iranischen Provinz einen separatistischen Aufstand anzuzetteln, was aber kläglich scheiterte. Während des Bergkarabach-Kriegs in den 1990er Jahren galt Teheran als ein wichtiger Unterstützer Armeniens. Die Kontrahenten dieses Krieges waren Armenien und Aserbaidschan. Iran war entscheidend an den Verhandlungen über den Waffenstillstand von 1994 beteiligt.

IMG-20160426-WA0004Man sieht an diesem Konflikt, daß die oftmals einfach gestrickten Erklärungsmuster nicht taugen. Viele „Analysten“ interpretierten den Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan als eine Art Religionskrieg zwischen Christentum (Armenien) und Islam (Aserbaidschan). Doch damit bohrt man nur die ganz dünnen Bretter. Armenien pflegt ein außerordentlich gutes Verhältnis zur benachbarten Islamischen Republik Iran, während Aserbaidschan Militärverträge mit Israel geschlossen hat.

Nortexa: Der Iran hat, so scheint mir, außenpolitisch eine inkonsistente Haltung zu den Muslimbrüdern. In Ägypten wurde die Regierung Mursis unterstützt, in Syrien wird die Bruderschaft bekämpft. Gibt es eine rote Linie?

Ochsenreiter: Ich glaube nicht, daß man davon sprechen kann, daß der Iran Mursi „unterstützt“ hat. Teheran hat Mursi 2012 zur Wahl zum ägyptischen Präsidenten gratuliert. Und Mursi hat wiederum in den Medien über ein sehr ehrgeiziges Projekt, eine „Achse Kairo-Teheran“ gesprochen. Von iranischer Seite kann man wohl von Realpolitik in diesem Zusammenhang sprechen. Der Iran ist eine Islamische Republik, ein schiitisch geprägter Staat. Das bedeutet aber nicht, daß die Führung ihre Staatsordnung zwangsläufig in andere islamische Länder „exportieren“ will. Die ägyptischen Muslimbrüder haben zudem keine Regierung abgelöst, die dem Iran freundlich gesonnen war. Ägypten war unter Hosni Mubarak ein strategischer Verbündeter Israels.

In Syrien ist die Situation gänzlich anders. Die auch dort vom Westen unterstützte sogenannte „bewaffneten Opposition“, der auch die Muslimbrüder angehören, haben ein klares Programm: Syrien soll aus der Widerstandsachse mit dem Iran und der libanesischen Hisbollah „herausgebrochen“ werden. Bereits seit 2011 verkünden die sogenannten „gemäßigten Rebellen“ – in Wirklichkeit sind es brutale Terroristen -, nach dem Sturz Assads würden sie Israel anerkennen und die Beziehungen zum Iran abbrechen.

139502121956095207617794Nortexa: Wie ist eigentlich die Einstellung zum wesentlich von den Muslimbrüdern bestimmten Zentralrat der Muslime in Deutschland, oder zu den wesentlich den Muslimbrüdern oder sogar radikaleren Kräften nahestehenden muslimischen Asylbewerbern in Deutschland?

Ochsenreiter: Insgesamt sehr kritisch. Ich wurde von vielen Iranern gefragt, wie wir das eigentlich schaffen wollen. Und warum bei uns radikale sunnitische Kräfte so ungehindert agieren können. Aber was soll man darauf antworten? Würde Deutschland gegenüber radikalen Islamisten ähnlich agieren wie der Iran, hätten wir wohl weniger Probleme. Und ja, Sie haben gerade richtig gehört.

Nortexa: Sie haben den ehemaligen Präsidenten des Iran, Mahmud Ahmadinedschad, getroffen. Worüber sprachen Sie mit ihm, welchen Eindruck haben Sie von ihm gewonnen?

Ochsenreiter: Wir haben über das Verhältnis zwischen Berlin und Teheran gesprochen. Ahmadinedschad ist ein sehr angenehmer Gesprächspartner.

Nortexa: Ihre Kontakte in den Iran bestehen nun seit einiger Zeit. Wie kam es damals eigentlich dazu?

13100845_1668796386719424_2377584783032131342_nOchsenreiter: Durch meine Arbeit. Gerade, wenn man sich lange Zeit intensiv mit geopolitischen Themen beschäftigt, kommen die internationalen Kontakte ganz automatisch.

Nortexa: Wäre der Iran ein geeigneter Bündnispartner eines souveränen Deutschlands? Wenn ja, wieso?

Ochsenreiter: Warum gleich „Bündnispartner“? Es wäre schon ein Fortschritt, wenn Berlin seine feindselige Haltung gegenüber einem Land, das uns noch nie irgendetwas getan hat, korrigieren würde. Der Iran wäre nicht nur ein guter Wirtschaftspartner für uns, sondern auch darüber hinaus. Zudem sollten wir nicht vergessen: Der Iran gehört zu den Stabilitätsfaktoren in der Region, Teheran kämpft gegen radikal-sunnitische Terrorbanden in Syrien, während Saudi-Arabien diese finanziert.

Nortexa: Zuletzt: Was kann Deutschland vom Iran lernen?

Ochsenreiter: Die deutsche Politik und unsere etablierten Medien sollten zunächst einmal lernen, wie der Iran wirklich ist. Da wäre schon viel gewonnen. Vielleicht könnte man sagen: Viele Deutsche könnten im Iran lernen, sich von ihren Vorurteilen zu verabschieden.

Nortexa: Herr Ochsenreiter, wir danken Ihnen für das Interview!

 

Zur Person: Manuel Ochsenreiter, geboren 1976 im Allgäu, war von 2004 bis 2011 Chefredakteur der Deutschen Militärzeitschrift. Seit 2011 ist er für die Redaktion der Monatszeitschrift Zuerst! verantwortlich. Bei Russia Today und Press TV ist er ein geschätzter Interviewpartner zu geopolitischen Themen. Im März 2016 rief er das „Deutsche Zentrum für Eurasische Studien“ ins Leben.

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Kategorie: Allgemein, Im Gespräch

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