Europäisches Forum Linz – „Das Haus Europa ist heute eine Ruine.“

| 30. Oktober 2016 | Kommentieren

Redeverbot für Weihbischof Laun!

Europäisches Forum Linz, Foto: https://www.facebook.com/infodirekt/

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Von Rüdiger Dietrich

Linz – Am Sonnabend, den 29. Oktober kam in den spätbarocken Redoutensälen in Linz aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nahezu alles zusammen, was im originär konservativen oder rechtskonservativen Spektrum einen Namen hat. Möchte man der vorwurfsvoll gehaltenen Definition der des sich zur Gegendemonstration eingefundenen Klientels Glauben schenken, so handelte es sich bei einigen der Veranstaltungsteilnehmer um eindeutig der politischen Rechten zuzuordnende Personen. Aus der Selbstsicht der Veranstaltungsorganisatoren sowie Anlass der Zusammenkunft wurde kein Hehl gemacht, lautete der Arbeitstitel des Kongresses nicht wenig selbstbewusst „Verteidiger Europas“. Federführend verantwortlich für den „politisch unkorrekten“ Event zeichnete der Verein für Meinungsfreiheit und unabhängige Publizistik. Dem entsprechend beschränkte sich der Kongress nicht auf eine ausschließliche Vortragsreihe, sondern nahm auch den Charakter einer Messe an, im Verlauf dessen sich ein „Who is who“ an Verlegern und publizistischen Organen vorstellte.

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Herbert Kickl, Europäisches Forum Linz, Foto: https://www.facebook.com/infodirekt/

Wenngleich das versammelte Klientel regelmäßig im allgemeinen Politikbetrieb nicht als diskurswürdig erachtet wird, waren die Veranstalter um Außenwirkung bemüht, wofür eine teilweise Live-Übertragung via Internet und eine bereits im Vorfeld veröffentlichte Grundsatzerklärung sorgen sollten. Die Zielsetzung der Veranstaltung ließ sich unmissverständlich aus der Selbstauskunft der Veranstalter herauslesen, wurde doch der Event wie folgt beworben: „Der erste österreichische Kongress gegen die ethnokulturelle Verdrängung der europäischen Völker. Eine Leistungsschau der patriotischen, identitären und konservativen Arbeit im publizistischen, kulturschaffenden sowie politischen Bereich. Als Verteidiger Europas machen wir uns gemeinsam auf, unsere Völker, Traditionen und Werte zu beschützen.“ Mit zwölf angekündigten Referenten konnte sich gemessen an einer Tagesveranstaltung jedoch auch der Verdacht aufdrängen, hauptsächlich als Selbstdarstellungsplattform gedacht zu sein. Unbestritten war die Referentenliste durchaus einigermaßen prominent besetzt. Immerhin sprachen auch der österreichische Nationalratsabgeordnete und FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl sowie der Chefredakteur des Magazins „Compact“, Jürgen Elsässer.

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Maram Susli, Europäisches Forum Linz, Foto: https://www.facebook.com/infodirekt/

Den geopolitischen Anspruch wollte die Versammlung wohl mit der in Australien wohnhaften Syrerin Maram Susli unterstreichen, die unter dem Pseudonym „SyrianGirl“ eine nicht ganz unbekannte Bloggerin darstellt. 26 mehr oder weniger bekannte Verlage, Publizisten bzw. sich als Kulturschaffende verstehende Aussteller nutzten den Kongress, um auf sich aufmerksam zu machen. Das Spektrum reichte neben anderen vom bekannten Compact-Magazin über die Nibelungen-Sängerschaft oder ein Weingut bis hin zum ökorechten Projekt „Umwelt & Aktiv“. Insgesamt fanden sich so in etwa 600 Teilnehmer ein. Der im Wahlkampf für den freiheitlichen Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer stehende Herbert Kickl beantwortete auf dem Kongress, die nach seinen Worten im Vorfeld permanent an ihn gestellte Frage, weshalb er dort auftrete, mit der Gegenfrage: Ja, warum denn nicht? So kurz und prägnant diese Antwort sein mag, heißt dies allerdings nicht, dass sie für jedermann zufriedenstellend sein wird. Jedoch wurde er weder von Norbert Hofer, noch von seinem Parteiobmann Heinz-Christian Strache zurückgepfiffen, wie es bei Weihbischof Laun, der ebenfalls auf der Rednerliste stand, der Fall war. Dem wurde seitens seiner Kirchenoberen der Gehorsam abverlangt.

Zahlreiche Polizeikräfte waren vonnöten, die Gegendemonstranten von den Veranstaltungsbesuchern getrennt zu halten. Wie gefährlich dieser Kongress nun wirklich war oder ist, kann wohl als eine Frage gewertet werden, die ebenso auf den Präsidentschaftskandidaten Hofer der FPÖ gemünzt werden könnte, nachdem sein Wahlkampfleiter die Rednerliste geradezu anführte. Vielleicht ist es aber auch nur ein Stück weit neuer demokratischer Normalität, dass sich eine neue politische Mitte durch Berührungspunkte von Konservativen und moderaten Rechten formiert, wie es vielfach in Europa ersichtlich wird. Letztendlich wird diese Frage der Wähler beantworten. Zwei Entwicklungen werden dabei von maßgeblicher Bedeutung sein. Nämlich die Bewältigung oder Nichtbewältigung der Flüchtlingsfrage und die künftige Rolle der Europäischen Union. Führt man sich die Brexit-Entscheidung vor Augen, blickt man auf die EZB-Politik und die italienische Bankenkrise oder denkt an Griechenland, dürfte allerdings fern der politischen Lager zunehmend eben genau derjenige Eindruck entstehen, den die Rechtsanwältin Eva Maria Barki, ebenfalls Rednerin auf dem Kongress in die Worte fasste: „Das Haus Europa ist heute eine Ruine.“

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Kategorie: Allgemein, Gesellschaft

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