„Frei will ich leben und frei will ich sterben“ – Die Lebenserinnerungen des Hans Tröbst

| 3. August 2016 | Kommentieren

Mario Troebst im Gespräch über seinen Großvater

Hans Tröbst, Paßfoto, aufgenommen in Eski-Schehir, 1.2.1925.

Hans Tröbst, Paßfoto, aufgenommen in Eski-Schehir, 1.2.1925.

Hans Tröbst kann zu den großen deutschen Abenteurern des frühen 20. Jahrhunderts gezählt werden. Er wurde in Weimar geboren, doch starb in China, konnte jedoch immerhin in Deutschland bestattet werden. Der Stoff seines Lebens würde für viele Leben reichen, so war er Kaiserlicher Offizier, Freikorps-Kämpfer und danach einziger deutscher Offizier in türkischer Hauptmannsuniform unter Mustafa Kemal Pascha („Atatürk“), schließlich bedeutender Auslandskorrespondent. Sein Enkel Mario Troebst hat die Lebenserinnerungen dieses Wanderers zwischen den Welten nach und nach als E-Buch in mehreren Bänden herausgebracht. Nortexa fand dies spannend genug, um einige Fragen zu stellen.

Das Gespräch führte Ruedi Strese

Nortexa: Passend zu der Lebensgeschichte Ihres Großvaters wäre zumindest eine kleine Geschichte, wie es zur Herausgabe der Tagebücher kam. Wie sind Sie zu diesen gekommen? Wie kam es zu dem Entschluß, sie zu ordnen und herauszugeben?

Troebst: Der komplette Nachlaß meines Großvaters befand sich bis zum Tode meiner Großmutter Octavia, der zweiten Frau von Hans Tröbst, in München. Ende 1980 fanden unter anderem auch die Lebenserinnerungen den Weg zu meinem Vater Cord Christian Troebst, dem einzigen Kind aus dieser Ehe. Mitte der neunziger Jahre begann mein Interesse an diesen Aufzeichnungen und dem Leben von Hans Tröbst kontinuierlich zu wachsen. Seine Aufzeichnungen fesselten mich inhaltlich und begeisterten in der Art des Schreibstils. Ende der neunziger Jahre begann ich, die eine oder andere Textpassage in themenverwandten Foren unterzubringen. Dort erhielt ich großen Zuspruch, verbunden mit der Bitte, eine etwaige Veröffentlichung der Lebensgeschichte meines Großvaters in Erwägung zu ziehen. Dieser Bitte kam ich nach und kontaktierte zwei größere Buchverlage, jedoch ohne Erfolg. Danach ruhte der Gedanke einer Veröffentlichung. Erst 2013, mein Vater hatte den Nachlaß bereits an mich übergeben, stieß ich im Rahmen von Recherchen auf Amazon Kindle Direct Publishing. Die Möglichkeit, ein Buch verlagsunabhängig zu veröffentlichen und ohne Kosten bei eigener Umsetzung Millionen von Lesern zu erreichen, reizte mich ungemein. Das erste Buch erschien im Juli 2013, mittlerweile sind siebzehn Bücher mit den Lebenserinnerungen meines Großvaters Hans Tröbst (Lebenserinnerungen von 1891 bis 1934) als E-Books von mir veröffentlicht worden.

Nortexa: Ergaben sich bei der Lektüre der Aufzeichnungen große Differenzen zu dem, was Sie schon wußten oder zu wissen glaubten, wirkliche Überrraschungen?? Was war Ihr wesentlicher Eindruck?

Hans Tröbst in türkischer Uniform

Hans Tröbst in türkischer Uniform

Troebst: Ja, bei der Lektüre der Aufzeichnungen ergaben sich große Differenzen zu dem, was ich schon aus anderen Quellen wußte. Hans Tröbst war ein Zeitzeuge, das macht den Lesestoff so authentisch. Er hat die Gabe, den Leser in die Vergangenheit mitzunehmen, ihn an seine Seite zu stellen. Die Sprache ist nicht entsprechend dem heutigen Zeitgeist geschönt. Eine ungeschminkte Schreibweise ohne die heute so häufig und gerne verlangte bzw. praktizierte political correctness. Das macht die Texte so glaubhaft. Zudem erfährt man sehr viele interessante Dinge, die heute längst vergessen sind. Und die Geschichte wiederholt sich, auch das ist eine erstaunliche Erkenntnis, die man beim Lesen gewinnt. Sehr gerne möchte ich an dieser Stelle die Rezension eines Lesers zum Buch „Der kommende Mann“ zitieren, die sehr gut den Inhalt der Aufzeichnungen wiedergibt:

„Seit meiner Karl May Zeit habe ich kaum ein Buch so ‚gefressen‘ wie das von Troebst. Sprachgewalt und Ironie, Vergnüglichkeit und Nachdenken. Fontane und Ernst Jünger stehen in der Nähe. Troebst wollte Soldat werden und war gerne Soldat. Aber er beobachtet und sieht oft genug auch den faulen Zauber, der sich im Laufe der Jahre eingestellt hat. Wie eine Sonde, die sich ins kaiserliche Heer hineingeschoben hat, registriert er die Abläufe, bewertet sie und schreibt sie auf. Solch einen Blick in die Maschine des Militärgetriebes des Kaiserreiches hat man bisher wohl kaum erhalten. Ein absolut freier Kopf, der damals offenbar auch ausgiebig Tagebücher geführt und wie er selber oft berichtet, viele Briefe geschrieben hat. Gesamturteil: großer Informationswert und großer Unterhaltungswert. Ich habe meinen Kindle mehrmals laut lachend zur Seite gelegt. Die nächsten Folgen kann ich kaum erwarten! Amazon muss man danken, dass es solche Veröffentlichungen möglich macht. Und auch dafür, dass es aufgrund ausgeklügelter Algorithmen solche Bücher von sich aus vorschlägt. Ohne Wenn und Aber: Fünf Sterne mit Glanz und Gloria! – Da muss es in den Familien doch noch mehr vergleichbare Aufzeichnungen geben, die Lehrer, Juristen, Ärzte, Kaufleute usw. für ihre Familien und Nachkommen angefertigt haben. Nicht die großen Züge, die kann man in den Geschichtsbüchern nachlesen. Nein, der ganz normale Alltag mit seinen Komödien und Katastrophen. Hoffentlich kommen noch mehr solcher Bücher auf den Markt.“ (Buyer, 26. Dezember 2013)

Nortexa: Auch nachdem Hans Tröbst im Ersten Weltkrieg als Kaiserlicher Offizier gedient hatte, ließ der Krieg ihn nicht los. Wo es Soldatenleben gab, war er dabei. Er kämpfte im Russischen Bürgerkrieg auf der Seite der Weißen, unter Pawel Michailowitsch Bermondt-Awaloff, gegen die Bolschewisten; anschließend schloß er sich den Freikorps der Brigade Ehrhardt an.

Hans Tröbst in Magdeburg, 1912

Hans Tröbst in Magdeburg, 1912

Troebst: Schon als Kind begeisterte sich Hans Tröbst in Weimar für das Soldatenleben. (Nachfolgend einige Zeilen aus dem Buch „Kindheitserinnerungen“: Diese Spieltage waren die Sonntagvormittage, wo wir uns aus Holz und Pappe allerhand Sachen zusammenbastelten. An einen dieser Sonntage erinnere ich mich genau. Mein Vater hatte aus Papier oder Pappe zwei Häuser geklebt, an dem einen war eine Kurbel, über die ein Streifen Papier ohne Ende lief, auf dem Pappsoldaten aufgeklebt waren. Drehte man an dieser Kurbel, dann wurden die beiden Walzen in Tätigkeit gesetzt und es sah aus, als ob die Kette der Soldaten nie abriss. Als ich das Wunderwerk in Betrieb setzen sollte, drehte ich natürlich die Kurbel nach der falschen Richtung, und der entrüstete Vater, einen so dummen Sohn zu haben, gab mir einen leichten Klaps auf den Kopf und sagte: „Du Däpper!“ Ich kroch zusammen wie eine Schnecke, die man mit dem Strohhalm kitzelt, und nur mit Angst dachte ich an die kommenden Spielstunden. Ich erzähle dies kleine Erlebnis so ausführlich, weil hierbei zum ersten Male ein Wort in meinem Kinderhorizont auftauchte, das für mich ausschlaggebend werden sollte, das Wort „Soldat!“. Diesen Tag möchte ich als den Geburtstag meiner militärischen Laufbahn bezeichnen. Und dass der Soldat etwas Besonderes sein musste, merkte ich an einem schönen Junitag, als mein Vater, der Reserveoffizier im „Infanterie-Regiment Nr. 94 Großherzog von Sachsen“ war, mich zu einer Parade zu „Großherzogs Geburtstag“ mitnahm. In stummer Bewunderung ging ich neben ihm, der in seiner glitzernden Uniform strahlender aussah wie der Kriegsgott selber, auf das Paradefeld an der Ackerwand. Das militärische Schauspiel machte einen unauslöschlichen Eindruck auf mich und damals fasste ich den Entschluss: „So einer wirst Du auch einmal!“) – So wurde er Berufssoldat. Und vom Naturell her war er wohl auch ein Abenteurer. Siehe seinen Goethe-Wahlspruch: „Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten! Bleibt in euren Hütten, euren Zelten! Und ich reite froh in alle Ferne, über meiner Mütze nur die Sterne.“

Als der Erste Weltkrieg endete, stand er vor dem Nichts. Also suchte Hans Tröbst nach weiteren „Berufschancen“, und die gab es im Nachkriegseuropa 1918 zur Genüge. Er war eine Art Söldner, aber nicht für Geld, sondern er verdingte sich nur für jene, die seiner Ansicht nach eine gerechte Sache vertraten, oder gegen die Entente kämpften.

In den Aufzeichnungen von Hans Tröbst findet sich folgende Eintragung aus dem Jahre 1920:

Als in den verhängnisvollen Novembertagen des Jahres 1918 der Kanonendonner auf den weiten Schlachtfeldern Europas verhallte und „das Ganze – Halt“ geblasen wurde – wer von den alten Kämpen, denen „der Dienst allein nur Haus und Heimat“ war, hat sich damals nicht die bängliche Frage vorgelegt:

Hans Tröbst, 1919/1920

Hans Tröbst, 1919/1920

„Was nun?“
„Was anfangen? Was beginnen?“

Zwar setzte einem diese Sorge um die Zukunft zunächst noch nicht den Dolch auf die Brust, denn überall in der Welt knallten nach dem Waffenstillstand noch die Büchsen; der „ewige Landfried schien und scheint auch heute ein schöner Traum bleiben zu wollen. Und so konnten, wie ich, unzählige alte Troupiers in den Freiwilligenformationen, die die Grenzen gegen die Polen und Bolschewisten verteidigten und die im Inneren für oder gegen die Regierung kämpften, ein militärisches Scheindasein fristen, bis die im August 1920 zur Tat werdende Heeresverminderung die Umstellung auf einen neuen Beruf zur Notwendigkeit machte.

Die meisten von uns waren nicht auf Rosenblättern gebettet, und einen Generaldirektor als Onkel hatte auch nicht jeder. Und die guten Stellungen für verabschiedete Offiziere, die der „Rano“ und andere Zeitungen ausschrieben, verlangten in erster Linie eben Kenntnisse, wenn man es nicht vorzog, mit 150 Mark Taschengeld als „Gutsbewacher“ oder subalterner Schreiber bei Banken, Privaten oder Behörden weiter dahinzudämmern.

Was Wunder also, dass
„Als in jenen Tagen auf allen Gassen
Die ‚Kemalisten‘ und ‚Wrangel‘ täten werben lassen“
ein großer Teil der alten Landsknechte den Entschluss fasste, ihr Schicksal wieder auf des Degens Spitze zu stellen und in einer fremden Armee ihr Glück zu versuchen und zu suchen.
Auch ich dachte genauso, und so steckte ich eines schönen Tages kurz entschlossen mein „Gnadengehalt“ in die Tasche, schnürte mein Bündel und
„Ritt hinüber zu den ‚Kemalisten‘,
Die täten sich just gegen Smyrna rüsten!“
Und was ich auf diesem „Aventiurenritt“ Seltsames erlebte, habe ich zu Nutz und Frommen aller Gleichgesinnten auf den folgenden Blättern aufgezeichnet.
Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Denn vieles deutet darauf hin, dass Altmeister Moltke auch diesmal recht behält:
„Der nächste Krieg wird entweder ein siebenjähriger oder ein dreißigjähriger werden!“
Sieben Jahre sind verflossen, und noch ist nimmer „Frieden auf Erden!“…

Nortexa: Bei der Brigade Ehrhardt dürfte Hans Troebst auch Ernst von Salomon kennengelernt haben. Wie war das Verhältnis dieser beiden Männer, wenn es eines gab?

Troebst: Ernst von Salomon kannte er nicht, der war damals auch noch nicht bekannt. Auch Hermann Göring war im Freikorps, aber auch da keine Begegnung. Dagegen mit einigen Leuten, die Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erschossen hatten. Ebenso hatte er Kontakt mit Hermann Fischer und Erwin Kern, den späteren Mördern Rathenaus, sowie mit Karl Oehlschläger, der am Säureattentat auf Philipp Scheidemann beteiligt war.

Nortexa: Nachdem die Brigade Ehrhardt nicht mehr existierte, ging es über Serbien, Bulgarien und Konstantinopel nach Anatolien, wo er sich den Truppen Kemal Paschas anschloß. Was war dort seine Rolle, und was trieb ihn dorthin?

Troebst: Als Berufssoldat (siehe Frage 3) suchte Hans Tröbst einen neuen „Job“. General Ludendorff, zu dem er seit dem Krieg Kontakt hatte, riet ihm, zu General Wrangel zu gehen, der in der Ukraine gegen die Bolschewiken kämpfte. Doch Wrangel wurde geschlagen. So wurde die Türkei das nächste Ziel, weil dort unter Mustafa Kemal eine nationale Bewegung entstanden war (die „Jungtürken“) die sich vom Joch der Osmanen und den nach Anatolien eindringenden Griechen befreien wollten. Letztere wurden von den Kräften der Entente (Frankreich, England) unterstützt. Diesen Kampf gegen die von ihm verabscheuten Siegermächte mitzumachen, veranlasste Hans Tröbst, in die Türkei zu gehen und sich der Armee Kemals anzuschließen. Er behielt seinen Hauptmannsrang, aber nun in türkischer Uniform im Range eines „Üsbaschi“ (Hauptmann). Er war der einzige Deutsche im Dienst der Kemalisten. Aber er durfte nicht, wie von ihm gewünscht, an die Front, weil Kemal sich nicht nachsagen lassen wollte, er habe den Krieg gegen die Griechen nur mit ausländischer Hilfe gewonnen. So bekam Hans Tröbst als Pionieroffizier das Kommando über die Eisenbahn-Bataillone, mit dem Auftrag, einen Streckenabschnitt der Taurus-Bagdad-Bahn wieder instand zu setzen. Siehe seine Bücher „Die Reise nach Anatolien“ und „Mit den Kemalisten kreuz und quer durch Anatolien“ bei Amazon.

Nortexa: Hans Tröbst kämpfte damals in der Türkei für die laizistische Bewegung Kemal Paschas. Der Vergleich zur Gegenwart drängt sich auf: es scheint, als habe unter Erdogan die endgültige Beerdigung der kemalistischen Ideen stattgefunden. Wie sehr war Ihr Großvater damals mit dem Herzen im türkischen Geschehen involviert? War er überzeugter Parteigänger Atatürks?

Berlin, 13. März 1920.

Berlin, 13. März 1920.

Troebst: Teilweise ja schon beantwortet. Motivation: Kampf gegen die Entente unter einem starken Führer (Kemal). Er bewunderte Kemals Bemühungen, die Türkei zu einem modernen, westlich orientierten Staat zu machen. Vor allem aber Kemals Bemühungen, die Kräfte der Entente (Franzosen, Engländer, Italiener und ihrer Gefolgsleute) zu schwächen oder zu überwinden. Für den einfachen türkischen Soldaten hatte er große Hochachtung, ebenso für die Menschen in Anatolien.

Nortexa: Der Historiker Stefan Ihrig hat in der Zeit vom 2. Juli 2015 ihren Großvater stellvertretend für deutsche Auslandskorrespondenten genannt, welche sich 1923 über ethnische Säuberungen in der Türkei positiv geäußert hätten. Äußerte er sich dazu auch in seinen Tagebüchern?

Troebst: Mit Stefan Ihrig hat mein Vater (Cord Christian Troebst, Sohn von Hans Tröbst, cctroebst@gmail.com) nach Ihrigs Interview in der ZEIT vom 2. Juli 2015 Kontakt aufgenommen. Ihrig bezeichnet in dem Interview meinen Großvater als einen „Nazi der ersten Stunde“ (was schon mal nicht stimmt. Mein Großvater war Nationalist, aber kein Nazi).

Zu den ethnischen Säuberungen in der Türkei bzw. zur Armenier-Frage äußert sich Hans Tröbst nicht. Das war ja auch vor seinem Eintreffen in der Türkei. Er erfährt lediglich bei einem Besuch der „Deutschen Siedlung“ Belemedik im Taurus von einer dort noch lebenden Berlinerin, daß „Tschetniks“ (offenbar Banditen) über die bereits 1914 von den Deutschen verlassene Siedlung hergefallen seien, und viele griechische Bewohner, auch Frauen und Kinder, ermordet hätten. (Siehe auch hier Band 9 „Mit den Kemalisten kreuz und quer durch Anatolien“.)

Was Ihrig im Zeit-Interview verschweigt, ist die Tatsache, daß mein Großvater schon nach dem Hitler-Putsch (siehe Amazon-Kindle „Der Hitler-Putsch“) der ganzen „Bewegung“ äußerst kritisch gegenüberstand. 1934 schrieb er in seinem Tagebuch nach einem Deutschlandbesuch („Heimaturlaub 1934 – Eindrücke des deutschen Auslandskorrespondenten Hans Tröbst“): „Wir werden von einer Horde von Verbrechern, Dummköpfen, Irrsinnigen und Größenwahnsinnigen regiert…“ Ihrig deutete in der Korrespondenz mit meinem Vater 2015 an, evtl. ein weiteres Essay über diese „Wandlung von Hans Tröbst“ zu schreiben, aber bisher geschah nichts.

Nortexa: 1923 folgte er Ludendorff beim Marsch auf die Feldherrenhalle. Was waren hier die Motive, inwieweit war Hans Troebst ein politisch denkender Mensch? Hatte er Vorstellungen von der deutschen Zukunft?

Troebst: Im Sommer 1923 beginnt die völkische Zeitung „Heimatland“ mit der Veröffentlichung einer Artikelserie von Hans Tröbst, in der er über seine Erlebnisse in der Türkei und über Mustafa Kemal berichtet. Tenor: So wie Mustafa Kemal gegen die „Erfüllungspolitik“ in Konstantinopel eine Gegenbewegung in Anatolien (Ankara) organisiert hatte, solle in Deutschland der Sturz der Entente-Einflüsse von München ausgehen.

Motive für den Marsch auf die Feldherrnhalle: Hans Tröbst, zu Beginn des Krieges Monarchist, dachte und fühlte später deutsch-national. An dem Protestmarsch (als Antwort auf die kommunistischen Demonstrationen in Hamburg) nahm er teil aufgrund seiner Verbindung zu Ludendorff.

Hans Tröbst war schon als junger Mann ein sehr politisch denkender Mensch. In einem der Bände seiner „Jäger’s Weltgeschichte“ hat er Napoleon mit dem Satz zitiert: „Möge mein Sohn oft die Geschichte studieren, denn sie ist die einzig wahre Philosophie…“

Seine Vorstellungen von der Zukunft Deutschlands betrafen mehr die Zukunft Europas. So schrieb er bereits 1922: „Der Prozess, der sich augenblicklich in Europa vollzieht, bedeutet meiner Ansicht nach das Ende des alten Europa mit seinen Dynastien und den Zusammenschluss zu den ‚Vereinigten Staaten von Europa‘, in dem Deutschland die führende Rolle spielen und eine Blüte erreichen wird, von der wir absolut keine Vorstellung haben. An dieser Entwicklung ist für mich absolut kein Zweifel.“

Eine „deutsche Zukunft“ unter den Nazis stellte er sich furchtbar vor (siehe „Heimaturlaub 1934 – Eindrücke des deutschen Auslandskorrespondenten Hans Tröbst“) und er verurteilte auch das Verhalten deutscher Propagandisten im Ausland. Und als er noch in der Türkei war, zitierte er Gesprächspartner, die von der Eroberung des Westens durch den Islam erzählten: Es gärt in Asien, von den Grenzen der Mongolei bis an die Tore Europas. Es sind Dinge im Werden, die sich alle auf den gleichen Nenner bringen lassen und deren unsichtbare Fäden alle in einer Zentrale zusammenlaufen. Vorerst ist es mancherorts vielleicht nur ein Raunen, ein sich beschäftigen mit alten Weissagungen und Märchen. Aber Märchen, die einst Wahrheit werden können! Wie jenes, das mir am gleichen Abend in dem armseligen weltverlorenen Dörfchen Balad ein abgedankter türkischer Unteroffizier erzählte und das er von seinem Hodscha gehört: Von dem „Großen Kriege“, der kommen wird. Alle Völker des Morgenlandes gegen das ganze „Europa“ – ein Krieg, in dem sogar die Soldaten aus dem fernen „Tschin“ (China) nicht fehlen werden…

Nortexa: Wie viele der „alten Haudegen“ aus dem deutschen Militär stand er dem aufkommenden Nationalsozialismus ablehnend gegenüber. Was waren in seinem konkreten Fall die wesentlichen Gründe dafür?

Hans Tröbst

Hans Tröbst

Troebst: Hans Tröbsts Aversion gegen die Nationalsozialisten: Persönliche Begegnungen, Eindrücke der Urlaubsreise 1934, etc. etc.

…Da ich nun den gesamten Südosten einschließlich der Türkei im Laufe der letzten zehn Jahre auf das Genaueste kennengelernt habe, weiß ich genau wie unsere politische pp.-Stellung dort vor und nach der Machtergreifung Adolf Hitlers war bzw. heute ist. Wir haben dort alle Positionen verloren, die wir uns in mühseliger Kleinarbeit nach dem Kriege wieder erobert hatten… die Schuld trifft sicher nicht Adolf Hitler, sondern jene grotesken politischen Geschaftlhuber, die ohne die geringsten Vorkenntnisse glaubten, als „Ortsgruppenführer“ Außenpolitik treiben zu können und deren unseliges Treiben uns mit dorthin gebracht hat, wo wir heute stehen: vor der politischen, wirtschaftlichen und moralischen Einkreisung. Jedem verantwortungsbewussten Deutschen werden die Haare zu Berge stehen, wenn ich erzählen wollte, wie leichtfertig, gewissenlos und unüberlegt diese „Buttenhäuser“ Vereins- und Stammtischpräsiden unser wirtschaftliches, moralisches und politisches Auslandsguthaben verwirtschaftet haben. Wenn das Wallenstein-Wort richtig ist „Der Freunde Eifer ist´s, der mich vernichtet, nicht meine Feinde“, so trifft das in allererster Linie auf jene sogenannten nationalsozialistischen Geschaftlhuber zu, die ungestraft und unbeaufsichtigt bis heute draußen ihr Unwesen treiben dürfen, und die mit ihren wahnsinnigen Berichten allen urteilslosen Köpfen im sogenannten „Außenpolitischen Amt“ immer neue Handhaben zu immer neuen Unmöglichkeiten geliefert haben.…

…Der Abend mit Schauwecker war sehr interessant, weil er Niveau hatte. Auch Schauwecker wieder Gegner der Nazis, er nannte Hitler „den ins Monumental-Gigantische gesteigerten Typ des Spießbürgers“, und versuchte sich daraus seine Popularität zu erklären. Jeder Spießer sähe in Hitler sein eigenes Wunsch-Ebenbild. Hinzu käme sein Einfluss auf das weibliche Geschlecht, kurzum wir nannten den Nationalsozialismus die „Weltanschauung der im Leben zu kurz Gekommenen“ und das scheint ja wohl auch im Wesentlichen zu stimmen. Wenn man bloß wüsste, wo das alles noch hinführen soll! Schauwecker meinte, Hitler sei so eine Art Gottesgeißel, der das deutsche Volk als Werkzeug des Schicksals in den allertiefsten Dreck hineinführen müsse, damit wir endlich gesunden können.…

…Es hat hier wenig Zweck, all die Schauergeschichten aufzuzählen, die mir Wilberg [ein Journalisten-Kollege des „Weser-Kurier] – und später viele andere – berichtete, es ist wohl sicher so: wir werden von einer Horde von Verbrechern, Dummköpfen, Irrsinnigen und Größenwahnsinnigen regiert! Einer der gefährlichsten Burschen ist Goebbels, den Göring auch umbringen wollte, der sich aber in den entscheidenden Stunden an Hitler klammerte und ihm keine Sekunde von der Seite wich. Dafür musste der begabte Strasser dran glauben, der viehisch ermordet wurde. Bis zum 20.6.1934 hatte Hitler noch mit ihm verhandelt, weil er diesen „Kopf“ ins Kabinett nehmen wollte. Streicher hatte jedoch als conditio sine qua non die Entfernung Görings verlangt, der sich nun rächte. – Jedenfalls: Wilberg gab mir eine duftige Blütenlese aus dem Saustall zu riechen, der sich 3. Reich nennt und wir beschlossen, diesem Laden sobald wie möglich den Rücken zu kehren. Abends fuhr er nach Breme
n zurück.…

Nortexa: Hans Tröbst verbrachte einige Zeit als Auslandskorrespondent in China, wo er 1939 auch starb. Wie erlebte er die Zeit im „Reich der Mitte“, und was waren die Umstände seines Todes?

Troebst: Hans Tröbst ging 1934 nach Mandschuko, weil er den Fernen Osten als interessantes journalistisches Arbeitsgebiet ansah. Nach dem sogenannten Mukden-Zwischenfall hatte 1931 Japans Invasion der Mandschurei begonnen, und 1932 hatte Japan dort seinen Satellitenstaat Mandschuko errichtet. Dairen wurde für Hans Tröbst zur Basis für seine Berichterstattung aus Fernost. Die Umstände seines Todes im Alter von nur 48 Jahren sind ungeklärt. Der deutsch-jüdische (!) Familienhausharzt Dr. Zilz diagnostizierte Herzinfarkt nach starkem Alkoholgenuß. Gerüchte sprachen von Vergiftung durch Chiang Kai-Shek-Anhänger, weil Hans Tröbst sich in einem Bericht kritisch über Chiang geäußert hatte.

Hans Tröbst starb, als sich seine Frau mit dem sechsjährigen Sohn auf Urlaub in Rumänien befand. Zum Entsetzen seiner Frau war der Sarg mit einer Hakenkreuzfahne bedeckt. Hans Tröbst wurde eingeäschert und die Urne nach Deutschland übergeführt. Sie befindet sich auf dem Familiengrab in Heisede, Ortsteil Sarstedt bei Hannover.

Nortexa: Was denken Sie, trieb Ihren Großvater? Was war das zentrale Motiv dieses recht kurzen, aber dafür übermäßig ereignisreichen Lebens?

Troebst: Diese Frage möchte ich gerne von Hans Tröbst selbst beantworten lassen.

„Nenne mir, Muse, den Mann, der viele Stätten gesehen…“ kann ich stolz mit Homer von mir sagen, ich habe Sprachen gelernt und den Gesichtskreis erweitert, ich bekomme ein Gehalt, wie ich es in Deutschland nicht erhalten würde, ich führe das Leben eines Herren, wie ich es gewohnt war, ich habe Pferd und Diener und bin in dem Milieu geblieben, in dem ich groß geworden bin und das ich so liebe. Hier wird Geschichte geschrieben und ich kann sagen: „Ich bin dabei gewesen!“ Hand aufs Herz! ihr alten Kriegsgefährten, Genossen froher Fahrt, die ihr jetzt in Deutschland sitzt und euch um das „Morgen“ den Kopf zerbrecht, wer möchte mit mir tauschen?
Parole d’Honneur! Ich nicht!

Ich bin Egoist, blutrünstiger Egoist in allem, was meine persönliche Freiheit angeht. Die darf man mir nicht antasten. Ich will kommen und gehen, wann, wohin und wie ich will, ohne jemanden fragen zu müssen: „Passt es Ihnen?“

„Frei will ich sein. Frei will ich leben und frei will ich sterben!
Keinen berauben und keinen beerben und auf das Gehudel unter mir leicht hinwegblicken von meinem Tier!“

Nortexa: Hat die Lektüre der Tagebücher eigentlich Ihren Blick auf die Gegenwart verändert? Wenn ja, inwiefern? Gibt es ein geistiges Erbe, Ideen, die Sie mitgenommen haben?

12027276_417759281752307_3522842414459483099_oTroebst: Ja, mein Blick auf die Gegenwart hat sich insofern verändert, da die Lektüre der Tagebücher mir aufgezeigt hat, daß Gegenwart und Vergangenheit viele Parallelen haben. Ein Blick in die Geschichte hilft, Fehler zu vermeiden und Lösungen aufzuzeigen. Vieles wiederholt sich im Leben, und wenn man Hans Tröbst auf seinen Reisen begleitet, so stellt man ebenfalls fest, daß auch die Mentalität eines Volkes über Generationen meist unverändert bleibt.

Wer schriftliche Zeugnisse hinterläßt, wird nicht vergessen! Und obwohl ich meinen Großvater nicht kennenlernen durfte, ist er mir doch sehr nahe! Und ich teile mit ihm die Meinung, daß es trotz aller Schulweisheiten zwischen Himmel und Erde doch wohl noch eine ganze Menge Dinge gibt, von denen wir eingestehen müssen: Ignoramus! Ignoramus! Ignorabimus!

Nortexa: Zuletzt: gibt es Pläne, die Lebenserinnerungen Ihres Großvaters auch als physisches Buch erscheinen zu lassen?

Troebst: Ja, es gibt zumindest schon den Gedanken, die Erinnerungen meines Großvaters auch als physisches Buch erscheinen zu lassen. Ob sich ein Verlag findet oder ob ich die Bücher über CreateSpace bei Amazon selbst publiziere, darüber bin ich mir jedoch noch nicht schlüssig.

Nortexa: Herr Troebst, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Verweise:
https://www.amazon.de/Hans-Tr%C3%B6bst/e/B00EPE1DMQ/ref=ntt_athr_dp_pel_1
https://www.facebook.com/Hans-Tr%C3%B6bst-Lebenserinnerungen-155409274653977/

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Kategorie: Allgemein, Im Gespräch

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