Gedenkfeier zum 8. Mai

| 9. Mai 2015 | Kommentieren
Mihail Rahr

Mihail Rahr

Russisch-orthodoxer Erzpriester fordert Gerechtigkeit für „alle Opfer des Zweiten Weltkrieges“

Der Erzpriester der russisch-orthodoxen Gemeinde in Weimar, Michail Rahr, überraschte auf einer gemeinsamen Gedenkfeier des Oberbürgermeisters Stefan Wolf (SPD) und der Weimarer Ortsgruppe der Deutsch-Russischen Freundschaftsgesellschaft in Thüringen anlässlich des Endes des Zweiten Weltkrieges mit einer provokanten Rede auf dem sowjetischen Friedhof im Park an der Ilm.

Rahr forderte, dass „allen Opfern des Zweiten Weltkrieges wenigstens im Gedenken der Nachwelt gleichermaßen Gerechtigkeit widerfährt“. Es gebe viel zu viele vergessene Opfer des Weltkrieges. In Deutschland werde zumeist nur das Schicksal der Holocaustopfer beleuchtet. Zu den „vergessenen Opfern des Krieges und der Nachkriegszeit“ zählten demnach aber auch neben den Opfern von Hiroshima oder Nagasaki, die russischen Zwangsarbeiter, deren Kinder noch mit dem Makel des „Vaterlandsverräters“ leben mussten sowie alle unschuldigen Opfer der Alliierten.

„Aber interessiert das hier überhaupt jemanden?“, fragte Rahr. „Wenn wir also zurecht davon sprechen, dass die Opfer des Naziterrors niemals vergessen werden dürfen, so muss uns doch gleichzeitig bewusst werden, dass es ebenso viele Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gab, die schon längst vergessen sind, weil ihrer niemand jemals gedenken wollte.“

Rahr kritisierte zudem die Gestaltung des sowjetischen Ehrenfriedhofs im Park an der Ilm. Dieser sei „ein sichtbares Beispiel für Manipulation des Bewusstseins“. Obwohl der Kommunismus bereits seit über 25 Jahren überwunden sei, ruhten die gefallenen sowjetischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg noch immer „unter der Symbolik eines mörderischen Systems“: roter Stern, Sichel und Hammer. „Sind sie es nicht wert, dass man ihnen posthum ihre Würde zurückgibt?“ Es sei eine Schande, dass in Weimar, der Kulturstadt Europas, noch immer Siegerjustiz sichtbar über die Totenruhe herrsche.

Oberbürgermeister Wolf erklärte, er wolle dem russischen Priester zwar nicht das Recht zu einer solchen Rede absprechen, über die Gestaltung des sowjetischen Friedhofs müsse er jedoch mit der zuständigen Kriegsgräberfürsorge verhandeln.

Grünen-Stadtrat Rudolf Keßner bezeichnete Rahrs Worte als „eine mutige Rede“. Jutta Rosette vom Chor der Freundschaftsgesellschaft zeigte sich hingegen gar nicht begeistert von der Rede. „Das gehört hier nicht hin“, kritisierte sie. Der Intendant des Deutschen Nationaltheaters, Hasko Weber, erklärte hingegen: „Es ist gut, wenn wir auch andere Perspektiven hören.“

Stichworte: , , , , ,

Kategorie: Allgemein, Politik

Kommentar schreiben