Gülen – ein Politischer Faktor in der Bundesrepublik

| 24. Juli 2016 | Kommentieren

Die Bewegung des Imams Fethullah Gülen am Scheideweg

flag_turkish_turkeyVon Karl Buckatz

Dem gescheiterten Putsch in der Türkei folgt eine Zerschlagung der Strukturen, die unter dem Einfluss des umstrittenen Imams Fethullah Gülen stehen. Für Präsident Erdoğan stecken der Prediger und seine Anhänger hinter der Verschwörung. Diese Sichtweise ist zwar alles andere als gerichtsfest bewiesen, ihre Auswirkungen sind jedoch dennoch bis in die Mitte Europas zu spüren.

Von den in Deutschland lebenden knapp drei Millionen Türken zählen offiziell etwa 100.000 zu den Anhängern Gülens. Sie betätigen sich in seiner Hizmet-Bewegung, was soviel wie „Dienst am Menschen“ heißt. In der Praxis bedeutet das, dass die Vertreter der Gülen-Bewegung 25 Schulen, 150 Nachhilfe-Institutionen und 15 sogenannte Dialogvereine betreiben. Hinzu kommen eigene Fernsehsender, Radiostationen und Zeitungen. Die Gülenisten gelten damit neben der Muslimbruderschaft als einflussreichste islamische Gruppe in Deutschland. Das von Gülen propagierte Islamverständnis im modernen Gewand spricht insbesondere die aufstiegsorientierten türkischen Moslems an, die sich in Islamverbänden wie DITIB oder Milli Görüs nicht wiederfinden.

In den Satzungen ihrer Vereine finden sich Bildungs- und Erziehungsziele wie die „Förderung des interkulturellen Dialogs und Integration“. Zielgruppe sind die „in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Kinder, Jugendlichen, Studenten und Familien“, denen man „Beratung und Hilfestellung bei der Bewältigung von sozialen, kulturellen und schulischen Belangen“ geben möchte.

Bei soviel zur Schau getragener politischer Korrektheit verwundert es nicht, dass diese Vereine meist problemlos ihre Aktivitäten entfalten können. Doch es gibt Ausnahmen. So gab es in Leipzig einigen Wirbel um einen Verein, der sich „Sächsisches Bildungszentrum“ nennt und der für den 15. August 2016 in der Wurzener Straße die Eröffnung einer Kindertagesstätte geplant hat. Im Vorfeld gab es zunächst Widerstand gegen diese Pläne, der Jugendhilfeausschuss der Messestadt hatte von einer Genehmigung abgeraten. Das Gremium befürchtete, dass das Bildungszentrum Teil der Gülen-Bewegung sei. Letztlich entschied sich jedoch eine relative Mehrheit der Stadträte, den offiziellen Verlautbarungen des Vereins Glauben zu schenken und lehnten den Antrag des Jugendhilfeausschusses ab.

Im Jahr 2013 kamen in einer Fernsehdokumentation des WDR unter dem Titel „Der lange Arm des Imam – Das Netzwerk des Fethullah Gülen“ ehemalige Gülen-Anhänger zu Wort. Sie berichteten von sektenähnlichen Strukturen. In den „Lichthäuser“ genannten studentischen Wohngemeinschaften seien sie einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen und auf Schritt und Tritt überwacht worden. Bemerkenswert waren Zitate, in denen Gülen die Todesstrafe für vom Islam Abgefallene fordert. Ein weiterer Vorwurf richtete sich gegen die Intransparenz der Bewegung und ihrer finanziellen Strukturen.

Dem trat Ercan Karakoyun, Vorsitzender der Gülen-Stiftung „Dialog und Bildung“, entgegen. Aus seiner Sicht stehe Hizmet als „pazifistische Bildungsbewegung“ für einen Islam, der mit dem Grundgesetz, den universellen Menschenrechten so wie der Demokratie vereinbar sei. Inzwischen hat Herr Karakoyun andere Sorgen. Drohanrufe und Übergriffe von Anhängern der Regierungspartei AKP auf Bildungseinrichtungen in Würzburg, Gelsenkirchen, Reutlingen und Augsburg sind an der Tagesordnung, Schüler haben sich aus Angst vor Übergriffen oder auf Druck ihres sozialen Umfeldes abgemeldet.

Ob diesem Geschehen allerdings Einschätzungen wie die Cem Özdemirs (Grüne) gerecht werden, der von einer „türkischer Pegida“-Bewegung sprach, darf bezweifelt werden. Hier sind Entwicklungen im Gange, die mit den eingefahrenen Methoden kaum zu bewältigen sein werden – unangenehme Überraschungen eingeschlossen.

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Kategorie: Allgemein, Politik

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