Im Gespräch mit Viktor Seibel

| 3. Juni 2016 | Kommentieren

Ein Rußlanddeutscher bei PEGIDA

Viktor Seibel

Viktor Seibel

Die Fragen stellte Ruedi Strese

Die Bürgerbewegung PEGIDA ist zum einen, auch wenn sie bereits für tot gehalten wurde, immer noch aktiv, zum anderen ist sie eigentlich alles andere als eine einheitliche Gruppierung. Verschiedenste Gruppen und Grüppchen kochen ihr Süppchen unter diesem Namen. Von Viktor Seibel, sicher einem der charismatischsten Protagonisten, einem Redner und Netzwerker von PEGIDA und dem patriotischen Teil der Friedensbewegung, konnten wir einige Einblicke erhalten.

Nortexa: Sie sind in Rußland geboren und als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen. Was haben Sie damals erwartet, und wie verhielt sich die Realität zu Ihren Erwartungen?

Seibel: Hallo! Ich bin selbst nicht in Rußland geboren, sondern aufgrund der Deportationsgeschichte des Zweiten Weltkrieges in Kasachstan in Zentralasien geboren, nachdem meine deutschen Vorfahren (Krim- und Wolgadeutsche) nach Hitlerdeutschlands Überfall über die Sowjetunion am 22. Juni 1941 zwangsdeportiert wurden. Mit sechs Jahren kam ich als Spätaussiedler mit meinen Eltern nach Deutschland zurück, ins Heimatland meiner Vorfahren. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch viel zu jung war, um wahre Vorstellungen und Erwartungen bezüglich der Heimat Deutschland zu haben, sind meine Erfahrungen vorerst nicht enttäuschend gewesen. Ich erinnere mich z.B. daran, wie wir im Winter 1994 in Deutschland mit dem Passagierflugzeug landeten und ich aus dem Fenster blickte, überall grünes Gras und dies im Winter, ein Wow-Erlebnis, da man in Kasachstan im Winter viel Schnee und Schneestürme sieht, aber mit Sicherheit keine grünen Felder.

Nortexa: Wie und warum sind Sie damals zu PEGIDA gestoßen?

Seibel: Ich rebellierte noch vor der PEGIDA-Zeit auf der Straße gegen das Merkelregime, indem ich damals mit anderen Kasseler Friedensaktivisten die Friedensbewegung in Kassel gründete und jeden Montag auf dem Königsplatz in Kassel moderierte, es waren die Mahnwachen für den Frieden, die durch KenFM und Lars Mährholz initiiert worden sind. Nach kurzer Zeit kam auch die PEGIDA-Bewegung montags dazu, ich schloß mich damals montags somit der KAGIDA (dem Ableger von PEGIDA in Kassel) an und referierte über die wichtigsten zentralen Themen wie die derzeitige US-Okkupation Deutschlands, die fehlende Souveränität Deutschlands in außenpolitischen Angelegenheiten und vieles mehr.

Nortexa: PEGIDA hat, dem Namen entsprechend, mit einer dezidiert antiislamischen Stoßrichtung begonnen. Dabei wird zum Teil auch mit Kräften zusammengearbeitet, welche sehr entschiedene Befürworter der Außenpolitik Israels sind, etwa Geert Wilders. Dabei hat Israel seit Ewigkeiten Angriffskriege und bewaffnete Auseinandersetzungen in Nahost geschürt und ist ein wesentlicher Förderer des islamischen Terrorismus in Nahost gegen das säkulare Syrien. Gleichzeitig versteht PEGIDA sich als Friedensbewegung. Wie geht das zusammen?

Seibel: Es ist wichtig zu verstehen, daß PEGIDA nicht eine zentral gesteuerte Bürgerbewegung ist, sondern einen dezentralen Charakter besitzt. Lutz Bachmann wird zunehmend von vielen PEGIDA-Ablegern als „die zentrale Führungsfigur“ abgelehnt und die Bürger organisieren lediglich ihre Proteste unter den Namen „PEGIDA“.

Die PEGIDA-Bewegung wurde ursprünglich mit der primären Forderung geschaffen, eine Islamisierung Europas bzw. Deutschlands zu verhindern, durch Bürgerproteste gegen unsere Regierung, die immer noch im Sinne des gescheiterten Multikulturalismus handelt und eine EU-Ideologie der „Vereinigten Staaten von Europa“ verinnerlicht hat.

Da jeder PEGIDA-Standort autonom handelt und so die Themenvielfalt gestaltet, ist das Thema Islamisierung nicht mehr das hauptsächliche Thema, sondern die Palette an Themen hat sich innerhalb von kurzer Zeit erweitert. So finden sich immer mehr Themen, die auf PEGIDA-Veranstaltungen besprochen werden, z.B. die US-Besatzung Deutschlands oder die Forderung nach der Abschaffung der illegitimen Rußland-Sanktionen.

Ich persönlich sprach mit vielen verschiedenen Organisatoren der PEGIDA-Bewegung zu ihrer persönlichen Haltung zu außenpolitischen Themen wie eben auch zur Haltung gegenüber Israel.

Die meisten Bürger haben eine gesunde kritische Haltung zu Israel gehabt und sind nunmal nicht blind für die israelische Politik. Ich denke, dies ist ein toller gesellschaftlicher Prozeß, wo sich die Bürger Deutschlands von der „ewigen Schuld“ mutig verabschieden und sich positionieren, daß sie eben auch Israel kritisieren können, ohne dabei als Antisemiten abgestempelt zu werden.

Charaktere wie Geert Wilders werden stark hinterfragt auf Veranstaltungen außerhalb von PEGIDA Dresden und dies sollte uns allen Mut machen, daß wir Deutsche eben nicht so leichtgläubig sind, wie man es manchmal denken könnte. Die Kernthemen von PEGIDA sind natürlich verflochten mit der Forderung nach Frieden, nicht nur im Hinblick auf die NATO-Aggression gegenüber Rußland, sondern auch der Standpunkt des Friedens im Nahen Osten läßt sich vernehmen.

Wer einen wahren Eindruck von der Bürgerbewegung PEGIDA bekommen möchte, darf sich nicht auf PEGIDA Dresden allein konzentrieren, sondern sollte – wie ich es auch tue – durch das gesamte Land reisen und mutige Patrioten sprechen.

Nortexa: Auch Ihre persönliche Themenpalette hat sich in Ihrer Zeit bei PEGIDA deutlich erweitert, so scheint mir. Von der Frage der Islamisierung und der deutsch-russischen Freundschaft ging es hin zur Frage der mangelnden Souveränität Deutschlands, Kritik am Parteiensystem, Umweltfragen, nahöstlichen Auseinandersetzungen,…

Seibel: Ja, ich bemühe mich immer wieder, die zentralen Themen und Probleme unserer Gesellschaft anzusprechen; erst wenn die Bevölkerung ein größeres Verständnis hinsichtlich der Kernthemen hat, können wir über Alternativen reden.
Es ist wichtig zu verstehen, daß wir derzeit einen Prozeß erleben, der alle 70-80 Jahre stattfindet, nämlich den Zusammenbruch eines „alten Finanzsystems“, und dies bedeutet – wie die Geschichte lehrt – Unruhen weltweit, bürgerkriegsähnliche Zustände, Instabilität, einbrechende Aktienmärkte, drohende Kriege bzw. militärische Auseinandersetzungen.

Viktor Seibel

Viktor Seibel

Erst wenn ich dem Bürger auf der Straße die Mosaiksteine aushändige, kann der interessierte Bürger diese zu einem Gesamtbild zusammenlegen und eine Position einnehmen. Wir haben derzeit viele Probleme in unserer Gesellschaft, die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer (Umverteilungsproblem), uns wird von den Herrschaftsklassen ein falsches Humanismusmodell serviert, wie derzeit in dieser bewußt gesteuerten europäischen Flüchtlingskrise. Der steuerzahlende Bürger wird nicht mehr von der Politik angehört, man gesteht dem einfachen Wahlpöbel keinerlei Dialog zu und dies empfinden natürlich alle aufrechten Bürger Deutschlands als ein großes Problem. Die Blockparteien haben sich in eine realitätsferne Richtung entwickelt und dies merken spätestens seit den letzten Landtagswahlen auch die Blockparteien und ihre Führung.

Wichtig ist es nur, daß es in Europa keine große Spaltung zwischen Islam und Christentum geben darf, dies würde Bürgerkrieg bedeuten und dies darf nicht geschehen. Als aufrichtige christliche Deutsche können wir eine konservative, national ausgerichtete Politik betreiben, ohne andere religiöse Gefühle zu verletzen oder Glaubensgemeinschaften zu diskriminieren. Wir müssen lediglich eine Einigung suchen und diese läßt sich beim richtigen Willen beider Parteien auch finden.

Nortexa: Die Beziehung zwischen Deutschland und Rußland scheint Ihnen allerdings besonders am Herzen zu liegen…

Seibel: Natürlich sind mir die Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland sehr wichtig. Zum einen ist meine Mutter Russin, Ukrainerin, mein Vater hingegen ein ehemaliger Krimdeutscher, dessen Familie 250 Jahre lang friedlich in Rußland lebte, bis zum 22. Juni 1941.

Es geht mir jedoch nicht allein darum, daß Rußland unser natürlicher Nachbar ist und wir uns immer Bemühen müssen. gute Beziehungen zu Rußland zu erhalten, sondern um die Umsetzung einer über 100jährigen Bündnisidee. Es gibt ein altes russisches Sprichwort und dieses besagt, wenn der russische Bär mit dem deutschen Wolf zusammenkommt, wird das die Welt verändern.

Die enge Verbrüderung von Rußland und Deutschland und das Potential dahinter sprach nicht nur der gute alte Otto von Bismarck an, sondern auch Lenin erkannte schon vor 100 Jahren das Bündnispotential zwischen Rußland und Deutschland. Lenin sagte sinngemäß, daß, wenn die russische Arbeitskraft und russische Ressourcen mit dem Technologieland Deutschland verschmelzen, in 10 Jahren der Weltkommunismus käme. Ich bin selbst kein Kommunist, aber dies verdeutlicht uns nur, wie profitabel die Bündnisidee für die beiden Nationen und ganz Europa wäre.

Viele kennen mittlerweile auch die Rede vom Chef des Schatten-CIA Think Tanks Stratfor, George Friedman, wo Friedman ganz offen die primären nationalen Interessen der USA beschrieb, und zwar, daß seit 1907 das primäre Interesse der USA darin besteht, daß kein Bündnis zwischen Rußland und Deutschland zustande kommt. Dies würde nämlich bedeuten, daß die USA daran nicht mitverdienen kann, denn auch der Erste und Zweite Weltkrieg dienten dem Zweck, dieses Bündnispotential zwischen Rußland und Deutschland zu verhindern.

Wir in Deutschland sind auf Rußland angewiesen, und dies nicht nur in der Energiepolitik Europas, sondern eben auch in der Sicherheitspolitik Europas. Daher dürfen wir uns nicht mehr einem US-Diktat beugen und müssen langsam selbstbewußt unsere nationalen Interessen pflegen und dies heißt, die Nähe zu Russland suchen.

Nortexa: Wenn wir uns exemplarisch PEGIDA Dresden anschauen, so scheint, was die Teilnehmerzahlen angeht, zwar das größte Tief überstanden, aber die größten Demonstrationen liegen schon eine Weile zurück. Läuft PEGIDA sich tot? Wie sind die Aussichten?

Seibel: Laut soziologischen Untersuchungen kann sich eine Gruppendynamik meist nur zwei Jahre erhalten und dann zerfällt sie, die Bürger werden – ähnlich den Soldaten im Krieg – auf Dauer „Kkriegsmüde“. Daher überrascht mich der Rückgang der PEGIDA-Teilnehmer keinesfalls, es ist ein berechenbarer Prozeß, der derzeit geschieht.

Trotz des Rückgangs der Besucherzahlen bei PEGIDA muß man die Erfolge dahinter sehen, nämlich daß die transatlantische „Kriegstreiber“-Mainstreampresse für nur noch ca. sechs Prozent Glaubwürdigkeit in ihrer Berichterstattung besitzt. Dies ist ein großer Erfolg für uns aufrichtige, nach Frieden strebende deutsche Bürger, denn ein Angriffskrieg kann erst erfolgen, wenn der größte Teil der Bevölkerung mit Kriegsrhetorik vergiftet worden ist und die Bevölkerung hinter einem Angriffskrieg steht. Bei sechs Prozent Glaubwürdigkeit für die Mainstreammedien kann also kein geplanter Angriffskrieg durch die NATO auf Rußland erfolgen.

Nortexa: Wo sehen Sie insgesamt die besten Chancen, etwas zu ändern? Mit Demonstrationen? Petitionen? In Parlamenten?

Viktor Seibel redet bei Endgame

Viktor Seibel redet bei Endgame

Seibel: Ich denke, es ist wichtig, erstmal die Basisaufklärungsarbeit auf der Straße voranzubringen, damit ein gewisser Teil der Bevölkerung ein Gesamtverständnis darüber erlangt, was sich derzeit im politischen Spektrum ereignet. Danach muß dieses gesamte System reformiert werden, so daß die Bürger wieder Vertrauen in die Politik gewinnen und ihre Straßenproteste freiwillig beenden.

Das alte System muß zusammenbrechen, damit ein neues System – durch Reformen – leben kann.
Wir haben viele Forderungen die wir an die Politik stellen:
– Pressefreiheit
– NGO-Gesetze werden benötigt, damit Think Tanks uns nicht in der Berichterstattung ständig erneut anlügen.
– Neue Sicherheitspolitik in Europa mit Russland. Die Nato ist ein Relikt des Kalten Krieges und dient alleinig der Isolation Rußlands, was jedoch keinen Erfolg hat. Es muß ein Militärbündnis zwischen den NATO-Mitgliedsstaaten und Rußland geben, Rußland ist unsere natürliche Schutzmacht!
– Eine neue soziale und Friedenspolitik für Europa
Diese Liste könnte ich noch viel weiter fortsetzen…

Nortexa: Was ist Ihre Prognose für die nächsten Jahre in Deutschland und Europa? Wird es möglicherweise zu einem Krieg mit Rußland kommen?

Seibel: Ich glaube nicht daran, daß die Nato wirklich einen Krieg für fremde Interessen in Europa mit Rußland beginnen würde, denn diesen würden sie nur verlieren, also wozu das unnötige sinnlose Blutvergießen?! Ich hoffe, daß nachwirkende Lösungen zusammengestellt werden zwischen den einzelnen Konfliktparteien und daß sich in Europa ein dauerhafter Frieden etablieren kann. Die derzeitige Bedrohung ist, wie wir es nach Brüssel und Paris sehen konnten, der Islamische Staat und nicht Rußland, also müssen wir unsere Kräfte auf die wahre Bedrohung konzentrieren und diese gemeinsam überwinden.

Zugleich muß auch der dauerhafte Frieden in der Ukraine einkehren, die Dezentralisierung der alten Ukraine muß der nächste Schritt sein. Die Anerkennung vom Südosten der Ukraine mit dem abgespaltenen Staat „Novarussia“ muß folgen, damit es Frieden gibt. Dies bedeutet die Wahrung des internationalen Völkerrechts und dieses besagt, daß sich ein Gebiet in anerkannten Wahlen abspalten kann in Form einer Sezession. Auch die Krim muß als russisch anerkannt werden, denn Putin hat niemals einen Völkerrechtsbruch begangen an der Krim, denn dies würde heißen, daß Putin sie sich gegen den Willen der Krimbevölkerung einverleibte. Dies geschah jedoch eben nicht, Putin hat seine Pflicht getan nach dem Friendly Act von 1970, indem er die Menschen auf der Krim in freier Wahl entscheiden ließ, ob sie zu einer faschistoiden illegitimen Poroschenko-Regierung gehören wollen oder zurück zu Rußland finden, denn die Krim ist und war immer russisch.

Nortexa: Und zu guter Letzt… Wofür kämpfen Sie, wovon träumen Sie? Was ist Ihr Wunsch, wie sollte Deutschlands Zukunft aussehen?

Seibel: Mir geht es darum, daß die Wahrheit siegt, daß die Ausbeutung des deutschen Volkes beendet wird, Stichwort „Deutschland als Wirtschaftsmotor Europas“, jedoch mit einem der größten Niedriglohnsektoren.

Ich wünsche mir, daß wir uns erstmal geistig befreien vom alten diktatorischen System und seinen Lenkungsmaßnahmen à la politische Korrektheit oder der linken Meinungsdeutungshoheit in Deutschland bzw. Europa.

Ich wünsche mir einen Neuanfang für Europa, welches selbstbewußt die nationalen Interessen seiner Völker verfolgt, aber auch die Außenpolitik, die neu zusammengewürfelt werden muß. Daß wir gute Freunde und Handelspartner mit Rußland, den USA, Israel und dem Nahen Osten bleiben und diese Beziehungen ausbauen. Daß wir eine globale Einigung finden können in Fragen wie der internationalen Sicherheitspolitik im Kampf gegen den internationalen Terrorismus oder bei der Hilfe zur Bekämpfung von Fluchtursachen, um Afrika davon abzuhalten, aus Not zu uns nach Europa überzusiedeln.
Es gibt viele Wünsche und Bestrebungen meiner Person, nur die Zukunft wird zeigen, wie weit wir gemeinsam kommen.

Nortexa: Herr Seibel, vielen Dank für das Gespräch!

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Kategorie: Allgemein, Im Gespräch

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