Interview mit Gräfin Karin von Kageneck

| 11. Mai 2016 | Kommentieren
Karin Gräfin von Kageneck, Quelle: Google+

Karin Gräfin von Kageneck, Quelle: Google+

„Für kurz- und mittelfristige Gelder gibt es keine Anlagen mehr, die rentabel und sicher sind“

Nortexa: Sehr geehrte Gräfin von Kageneck, Sie sind seit vielen Jahren in der Anlageberatung tätig. Das Thema Altersarmut ist wieder einmal in aller Munde, weshalb der Gedanke einer privaten Vorsorge in den Vordergrund rückt. Raten Sie unabhängig der Einkommensklasse und Vermögensverhältnisse dazu oder ist dies doch eher erst ab einem Mindestmaß an potentiellem Anlagekapital eine sinnvolle Option?

Gräfin Karin von Kageneck: Ich rate immer zu einer privaten Altersvorsorge, auch bei kleinen Einkommen, dann eben nur ab 50 Euro monatlich. Das ist allein aus psychologischen Gründen wichtig. Ich habe das so zu Hause als Kind gelernt, dass es auch bei beschränkten Mitteln wichtig ist, immer einen bestimmten Betrag des Gehaltes oder Einkommens sofort und regelmäßig für ein Sparziel zu entnehmen, sei es für die Altersversorgung oder für Fälle der Not. Und es klappt. In meinem großen Kunden- und Bekanntenkreis sparen oft die Geringverdiener disziplinierter oder gar mehr als die Besserverdienenden, welche oft alles für Konsum und Statussymbole ausgeben und sich teilweise für ihren Porsche hoch verschulden.

Nortexa: Die Finanzmärkte sind seit geraumer Zeit mit einer Niedrigzinsphase konfrontiert. Sehen Sie sich nach wie vor in der Lage, auch dem konservativen Anlegertyp ein Portfolio mit passender Risikostruktur darzustellen? Und nachgefragt: Erwarten Sie absehbar eine Zinswende?

Gräfin Karin von Kageneck: Ja, die Zinswende wird kommen, aber wann, das kann ich nicht absehen. Ich verlasse mich dabei nicht auf eigene Schätzungen, sondern höre die Stimmen der kompetenten Analysten und Ökonomen und bilde mir daraus ein Urteil. Wie dem auch sei, wir müssen damit zurechtkommen und den Kunden eine Alternative bieten, die ich in vermögensverwaltenden Multi-Asset Fonds sehe, allerdings rate ich nun auch vorsichtigen Kunden den Typ Balanced, da beim Typ Defensiv durch den hohen Zinsanteils kaum noch Rendite darstellbar ist. Für längerfristige Gelder, also die Altersvorsorge, ist das die beste Option. Für kurz- bis mittelfristige Gelder allerdings gibt es keine Anlagen mehr, die rentabel und sicher sind, dieser Teil muss dann eben am Konto zum Nulltarif liegen bleiben.

Nortexa: Welcher Techniken bedienen Sie sich, um neben Ihrer langjährigen Erfahrung stets einen entscheidungsrelevanten Marktüberblick zu behalten?

Gräfin Karin von Kageneck: Meine Haupttechnik ist der Einsatz meines Verstandes, den ich durch jahrzehntelange Meditation und ein privates Philosophiestudium soweit gereinigt habe, dass ich nicht mehr auf emotionale Impulse hereinfalle, was sich gerade bei Kursschwankungen an den Märkten als nützlich erweist. Ansonsten lese ich regelmäßig die Fachpresse auf Papier und deren Newsletter, die ich als Email erhalte. Dabei sind oft wertvolle Informationen sowohl über Märkte als auch über Produkte dabei, und bilde mich laufend weiter und mache mir Gedanken über deren Einsatz in der Beratung.

Nortexa: Finanzmathematische Modelle spielen bei Anlageentscheidungen eine immer größere Rolle. Andererseits nimmt das Beratungsgespräch und die individuelle Vorstellungsanalyse einen wesentlichen Stellenwert ein. Sind diese Modelle für Ihre Arbeit mehr eine Beratungs- oder eine Entscheidungsgrundlage?

Gräfin Karin von Kageneck: Nein, die finanzmathematischen Modelle überlasse ich den Finanzmathematikern, obwohl ich sie selbst auch verstehen muss. Bei der Beratung meiner Kunden achte ich immer sehr darauf, dass deren Portfolio verschiedene Fonds mit verschiedenen Modellen hat, denn man kann sich nie verlassen, dass ein Modell immer und in jedem Markt funktioniert. Also sehe ich meine Aufgabe eher in der geschickten Mischung unterschiedlicher Modelle, um eine möglichst niedrige Schwankung des Gesamtportfolios zu erreichen.

Nortexa: Gibt es Finanzinstrumente, die – evtl. im Gegensatz zu Berufskollegen – für Ihre Arbeit in keinem Falle in Frage kommen, und wenn ja welche und weshalb?

Gräfin Karin von Kageneck: Ja, ich meide Zertifikate, bzw. toleriere ich sie allenfalls als kleine Beimischung in vermögensverwaltenden Fonds, wenn sie in professionellen Händen sind und dort überwacht werden. Der Grund ist die Intransparenz, das Emittentenrisiko und die für Kunden meist unverständliche komplexe Struktur. Ich meine, die Kunden sollten verstehen, was sie da im Depot haben. Was sie nicht ansatzweise verstehen können, empfehle ich ihnen auch nicht.

Nortexa: Können Sie sich in Ihrem Berufsleben an eine der heutigen Finanzmarktlage vergleichbare Situation erinnern und wie bewerten Sie das Verhältnis Chancen und Risiken?

Gräfin Karin von Kageneck: Ich erinnere mich zwar an die ständig wechselnde Chancen-Risiko-Lage an den Finanzmärkten, teilweise an hysterische Angst- und Gier-Ausbrüche, aber die aktuelle Situation ist einmalig, weil es praktisch keine Rendite mehr für sichere Gelder gibt. Für Berater ist es nun umso wichtiger, die finanziellen Ziele und deren Zeitrahmen der Kunden abzufragen, um die richtigen Anlageprodukte zu empfehlen. Wie oben gesagt: eigentlich kann man guten Gewissens nur noch längerfristige Anlagen empfehlen, bei denen die typischen Kursschwankungen ausgesessen werden können. Hier aber bieten sich derzeit große Chancen für den geduldigen und disziplinierten Anleger.

Nortexa: Sehr geehrte Gräfin von Kageneck, wir danken für das interessante Gespräch!

Das Interview für Nortexa führte Rüdiger Dietrich.

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Kategorie: Allgemein, Im Gespräch

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