Konsequent gleichgültig in Berlin

| 13. September 2016 | Kommentieren

„Neutrale Partei“ will Wahlen gewinnen – oder auch nicht

Parteifahne und Logo der „Neutralen Partei Deutschlands“

Parteifahne und Logo der „Neutralen Partei Deutschlands“

Von Ruedi Strese

Berlin – Am 18. September sollen Wahlen zum Abgeordnetenhaus von Berlin und zur Bezirksverordnetenversammlung stattfinden. Erstmals wird diesmal auch die „Neutrale Partei Deutschlands“ antreten. Bemerkenswerterweise verzichtet sie auf ein Parteikürzel, was sich als Inkompetenz oder Desinteresse gegenüber Verwechslungen deuten ließe. Diese Partei vertritt einen strikt gleichgültigen Kurs, was sie mit ihren ausgeklügelten Wahlsprüchen deutlich werden läßt: „Eure Wahl – uns doch egal.“ – „Wir koalieren mit jedem.“ – „Wählt doch, wen ihr wollt.“ – „Programm? Was ist das?“ – „Die anderen wollen was – wir nicht.“ – „Wir machen alles – außer Politik.“ – „Deine Meinung – dein Verbrechen!“ – „Einfach mehrfach ankreuzen“ – „Ihr müßt uns nicht verbieten.“ – „Ohne euch hättet ihr auch keine Probleme.“ – „Wir bieten keine Angriffsfläche.“ – „Wer nicht wählt, wählt uns!“ – „Unentschlossen? Wir auch!“ – „Macht euren Scheiß alleine“ – „Zum Wahllokal ist jeder Weg zu weit“

Ähnlich überzeugende Argumente hat der Direktkandidat der Partei, N. Lackmussen, welchen die Partei nach internen Streitigkeiten, da niemand kandidieren wollte, durch Vertreter anderer Parteien wählen ließ: „Wählt mich, oder auch nich.“ – „Absichtslos ins Parlament!“ – „Ihr macht den Wind – ich hänge mein Fähnlein rein!“ – „Ein Mann durch euch am falschen Ort“ – „Politik wie eine Kalkwand“ – „Konturlos voran!“ – „Inkompetent in Berlin“ – „Unser Mann ohne Eigenschaften“ – „Wer bin ich? Und was wollt ihr von mir?“ – „Schulden? Mietpreise? Zuwanderung? Was weiß ich denn!“ – „Na und?“
Das Parteiprogramm der Neutralisten besteht aus lediglich einer Seite mit dem Wort „egal“, allerdings sind die Programme sämtlicher übrigen Parteien als Anhang beigefügt.

Zur Dokumentation geben wir hier eine Rede von N. Lackmussen, dem Direktkandidaten der Neutralen Partei Deutschlands, zur kommenden Berliner Abgeordnetenwahl, im Wortlaut wieder:

„Oh Gott! Wobei ich sagen muß, daß dies jetzt nicht irgendwie religiös gemeint ist, es soll aber auch nicht bedeuten, daß es Gott nicht gebe, da gibt es ja verschiedene Ansichten dazu. Oh Gott – damit meine ich, wieso ich denn? Wieso kandidiere ich zu dieser Wahl?

Ja, eine schlüssige Erklärung dazu kann ich Ihnen nicht bieten. Ich weiß nicht, was das soll, was ich überhaupt will – wissen Sie es denn? Nein? Sie wissen auch nicht, was ich von Ihnen will? Dann haben wir schonmal eine Gemeinsamkeit.
Sie können mich halt wählen, aber Sie können das auch sein lassen. Es ist im Grunde Ihre Entscheidung und geht mich nicht wirklich etwas an. Ich habe ja nichts gegen die anderen Kandidaten. Sie haben alle ihre Vor- und Nachteile, rein menschlich gesehen. Ich ja auch. Ich habe einmal betrunken in die Straßenbahn uriniert, wirklich. Angesichts dessen stellt sich die Frage, ob die Kandidaten der anderen Parteien nicht doch geeigneter sind. Wobei ich ja auch nicht nur Schlechtes getan habe. Ich will mich aber diesbezüglich nicht festlegen, wir wollen uns da lieber nicht einmischen.

Ich verspreche Ihnen aber, falls Sie mich in den Senat wählen sollten, daß ich mich bei Abstimmungen grundsätzlich enthalten werde, auch wenn es meine Person betrifft. Es ist doch auch egal, wer in den Ausschüssen sitzt – ich oder ein anderer. Für oder gegen jede Position gibt es Argumente. Wieso also sollte man sich darüber streiten? Ich werde jedenfalls nicht noch durch Positionierung zusätzlich Öl ins Feuer gießen. Auch von Ihnen und Ihrem Schubladendenken werde ich mich nicht festnageln lassen.

Das Beste wäre vielleicht, sollte ich wirklich gewählt werden, wenn ich einfach gar nicht zu den Sitzungen erscheine, außer vielleicht gelegentlich mal, da mein Fernbleiben ja auch kein Zeichen von Respektlosigkeit darstellen soll. Ich finde nur diese Debatten und Streitereien nicht nachvollziehbar, weil mich Politik nicht interessiert. Na und?
Am 18. September sind die Wahlen für das Berliner Abgeordnetenhaus. Machen Sie, was Sie wollen, oder lassen Sie es. Schauen Sie einfach. Ich bin mir jetzt gar nicht sicher, ob wir überhaupt auf dem Stimmzettel stehen.“

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Kategorie: Allgemein, Satire

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