Probleme der Globalisierung – gibt es Auswege aus der Sackgasse?

| 28. April 2016 | Kommentieren
Katar

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Eine Betrachtung zwischen Zukunftsvision und Verschwörungstheorie

Von Karl Buckatz

Globalisierung, Flüchtlingswelle, Völkerwanderung und Sozialabbau, das sind nur einige der Stichworte, die die Menschen in dieser Zeit bewegen. Die Medien liefern hierzu eine Flut von Meldungen, Berichten und Kommentaren, die beim Bürger eher Verwirrung als eine klare Sicht der Dinge stiften.

Aus einstigen Friedens-Missionen wurden handfeste Konflikte, das harte Wort Krieg lässt sich in den Überschriften schon lange nicht mehr vermeiden. Der Streit um die Ursachen geht viele Wege. Von der Chaos- bis zur Verschwörungstheorie findet sich im öffentlichen Diskurs alles, was das menschliche Gehirn ersinnen kann.

Oft hilft ein Blick in die Vergangenheit, um klarer zu sehen. Vor etwa 20 Jahren erschien im Rowohlt-Verlag ein Sachbuch mit dem Titel „Die Globalisierungsfalle – der Angriff auf Demokratie und Wohlstand“. Autoren waren die damaligen Spiegel-Redakteure Hans-Peter Martin (ehemaliger Abgeordneter des Europäischen Parlaments, Gründer der Liste Martin in Österreich) und Harald Schumann (seit 2004 Journalist beim „Tagesspiegel“).

Den Anstoß gab eine Konferenz im September 1995, zu der 500 führende Politiker, Wissenschaftler und Wirtschaftsführer in San Francisco zusammenkamen. Der selbsternannte „globale Braintrust“ wollte am Ausgang des zweiten Jahrtausends einen Weg ins 21. Jahrhundert aufzeigen. Alle Teilnehmer waren sich darin einig, dass künftig mit einer unübersehbaren Zahl von Arbeitslosen zu rechnen sei. Man würde demnach global nur noch 20% der arbeitsfähigen Bevölkerung benötigen, um die absetzbaren Waren zu produzieren und die notwendigen Dienstleistungen für alle Ansprüche abzusichern. Aus dieser Sichtweise entstanden die Schlagworte „20 zu 80“ und „tittytainment“, wobei das merkwürdige Kunstwort (das genau das meint, wonach es klingt) für eine moderne Version des römischen „panem et circenses“, auf gut Deutsch „Brot und Spiele“ steht.

An dieser Stelle reiben wir uns erstaunt die Augen. Seit Jahren steigt auch in Deutschland die Zahl derer, die dauerhaft von der gesellschaftlichen Entwicklung „abgehängt“ wurden und als „Prekariat“ ihr Leben fristen. Dabei verwischen die Unterschiede im gesellschaftlichen Status zwischen denen, die trotz Arbeit finanziell am Rande der Existenz leben müssen und jenen, die es sich in der sozialen Hängematte bequem gemacht haben. Für Menschen, die sich mit Hartz-IV-TV und Junkfood die Tage vertreiben, würde es im Geldbeutel kaum einen Unterschied machen, wenn sie stattdessen einer Beschäftigung im Niedriglohnsektor nachgehen würden.

Ob das 1995 gesetzte Ziel, mit einem Fünftel der Arbeitskräfte auszukommen, bereits erreicht wurde, ist schwer abzuschätzen, die Entwicklung in diese Richtung jedoch nicht. Immer weniger Menschen sind in der Industrie oder im Bergbau beschäftigt, das Handwerk hat schon lange keinen goldenen Boden mehr. Die in der Sozialindustrie tätigen Arbeitskräfte und brotlose Geisteswissenschaftler zählen jedenfalls eher zu den 80 Prozent, die nicht wirklich benötigt werden.

Hinzu kommen die Massenströme von Menschen aus dem afrikanisch-asiatischen Raum, die in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sehen und sich deshalb auf den Weg nach Europa machen. Ganze 10 Prozent bringen eine irgendwie geartete Berufserfahrung mit, die jedoch meist nicht den Ansprüchen hiesiger Arbeitsplätze genügt. Das gilt gleichermaßen für den arabischen Arzt, der kaum das fachliche Niveau eines Sanitäters erreicht, wie dem afghanischen Autoschrauber, den keine Werkstatt einstellen dürfte – Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Parole vom Fachkräftemangel wurde inzwischen oft genug widerlegt. Im Hinblick auf die Visionen der Konferenz des Jahres 1995 muss sie jedoch als bewußt in die Welt gesetzte Lüge betrachtet werden. Und das ist nicht der einzige Punkt, der die Regierenden zunehmend unglaubwürdig macht.

Schuman und Martin schrieben ihrem Werk ganz bewusst die Warnung in die Überschrift, dass die Demokratie durch die Globalisierung in eine Falle geraten könnte. Die beste Bindung zwischen „Oben und Unten“ war und ist ein gewisser Wohlstand bzw. die Aussicht darauf, ihn zu Lebzeiten erringen zu können. So galt es jedenfalls seit der Zeit, als die Menschen aufhörten, an ein besseres Leben im Jenseits zu glauben.

Inzwischen sind zahlreiche Finanzkrisen eingetreten, die sich verstetigt haben – auch wenn sie zeitweilig aus den Schlagzeilen verschwunden sind. Das Versagen der etablierten Politiker hat zur Entwicklung national orientierter Parteien und Bewegungen in ganz Europa geführt. Die von den Autoren aufgestellte Forderung, „die vornehmste Aufgabe demokratischer Politiker wird die Instandsetzung des Staates und die Wiederherstellung des Primats der Politik über die Wirtschaft sein“, können oder wollen die Adressaten nicht verstehen und erst recht nicht umsetzen. Das „Umsteuern“ wird in den Händen unbelasteter, an nationalen und europäischen – aber nicht mehr globalen – Interessen orientierten Politikern liegen müssen.

Ob diese Auffassung sich auch in den USA durchsetzen könnte, ist ungewiss. Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump (Republikaner) sprach sich kürzlich in seiner (durchaus widersprüchlichen) Rede zur Außenpolitik gegen ein „Loblied der Globalisierung“ aus. Zugleich verkündete er: „Kein Land, das es verpasst hat, die eigenen Interessen vornanzustellen, war jemals wirtschaftlich erfolgreich. Der Nationalstaat bleibt der Ursprung von Glück und Wachstum.“ Die Worte könnten ein Anzeichen dafür sein, dass auch jenseits des Atlantiks zumindest über einen Kurswechsel nachgedacht wird.

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Kategorie: Allgemein, Gesellschaft

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