Tim Anderson spricht in Berlin

| 4. Juli 2016 | Kommentieren

Ein Korrektiv zur Mainstream-Berichterstattung über den Syrienkonflikt

Tim Anderson bei seinem Vortrag, Foto: NORTEXA

Tim Anderson bei seinem Vortrag, Foto: NORTEXA

Von Ruedi Strese

Berlin – Im Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin-Prenzlauer Berg lud ein der traditionellen antiimperialistischen Linken zuzurechnender Kreis um den Politologen und Publizisten Hermann Ploppa zu einem Vortragsabend, bei welchem der australische Wissenschaftler Tim Anderson sein Buch „Der schmutzige Krieg gegen Syrien“ vorstellte.

Der auf englisch gehaltene Vortrag war „Die fünf geläufigsten Mythen über den Krieg in Syrien“ betitelt. Als Quellen für die Recherchen benutzt wurden vorrangig Mainstreammedien, außerdem führte Anderson, der an der Universität Sydney politische Ökonomie lehrt, in Syrien Gespräche mit verschiedensten Personen, einschließlich des Präsidenten Assad.

Als ersten Mythos nannte er die Behauptung, friedliche Demonstranten haben erst nach Repressionen der Regierung zu den Waffen gegriffen. Tatsächlich seien die Proteste jedoch von Anbeginn nicht nur friedlich gewesen und wesentlich von Islamisten geprägt worden, wobei bereits früh Mordaufrufe gegen Christen und Alewiten zu hören waren. In den Jahren 2011 bis 2012 habe es nach UN-Angaben rund 5000 Tote gegeben, davon seien die Hälfte Angehörige der syrischen Armee und Sicherheitskräfte gewesen.

Anschließend stellte der Referent die Ansicht, es handele sich um einen Bürgerkrieg, in Frage. Zwar gebe es solche Elemente, da unter den „Rebellen“ auch syrische Dschihadisten seien, doch handele es sich vorrangig um einen Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Rußland. Die Dschihadisten werden durch US-Verbündete wie Katar, Saudi-Arabien, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate finanziert, die Al-Nusrah-Front wurde speziell als internationale Unterstützertruppe für syrische Salafisten gegründet. Die sogenannte „syrische Opposition“ umfaßt Kämpfer aus 80 Staaten, zudem sprach Anderson von Spezialkräften aus Israel, den USA, Australien, Frankreich und Deutschland.

Als Drittes wurde die Darstellung, Assad müsse gehen und töte „sein eigenes Volk“, unter die Lupe genommen. Die Ansicht, die Armee töte permanent Zivilisten, wurde ins Reich der Legende verwiesen. Tatsächlich sei diese die beliebteste Einheit im Land, beliebter noch als Assad, was allein die westliche Darstellung ad absurdum führt. Stattdessen gebe es eine ganze Serie von Fälschungen und False Flags, welche der syrischen Regierung bzw. Armee angelastet werden.

Die vierte Sprachregelung, welche als Mythos entlarvt wurde, ist die Phrase von den „moderaten Rebellen“, deren bloße Existenz Anderson mit guten Gründen anzweifelt. Tatsächlich unterscheiden sich die als solche bezeichneten bewaffneten Gruppen ideologisch kaum bis gar nicht von Al-Kaida oder ISIS unterscheidbar, einschließlich der Genozidfantasien und entsprechenden Vorgehens gegen religiöse Minderheiten, auch militärisch sei eine Trennung kaum möglich.

Zuletzt hinterfragte Anderson die Charakterisierung Assads als „brutaler Diktator“. Zwar verzichtete er auf eine Glorifizierung des syrischen Präsidenten, verwies jedoch auf dessen gewaltige Popularität, die kein einziger Staatschef der westlichen Nationen oder der Golfstaaten erreicht. Kritik an Assad habe er in Syrien vor allem in gegenteiliger Richtung gehört. Assad sei vielfach als „Mr. Softheart“ bezeichnet worden, der nicht konsequent genug gegen die Dschihadisten vorgehe. Außerdem verwies er darauf, daß es durchaus eine genuine Opposition gebe, welche die Regierung kritisiert, gleichzeitig jedoch den laizistischen syrischen Staat als solchen bejaht.

Im Anschluß kam es zu einer überaus lebendigen Diskussions- bzw. Fragerunde, welche noch mancherlei Erhellendes brachte. Von der politisch korrekten Darstellung abgewichen wurde überraschenderweise auch hinsichtlich der Flüchtlingskrise. Anderson wies auf den beachtenswerten Umstand hin, daß sich unter den Flüchtlingen dreimal soviele Männer wie Frauen befinden und stellte die oft ausgesparte Frage, welchen religiösen Gruppen diese nun angehörten. Diskussionsleiter und Herausgeber Plopper bemerkte zudem ironisch, daß früher Positionen für Linke selbstverständlich waren, für welche man heutzutage das Etikett „rechtspopulistisch“ umgehängt bekäme. Ein höchst interessantes Ereignis, welches zeigt, daß durchaus ein Interesse an einem Korrektiv zur Berichterstattung der Mainstreampresse besteht und daß auch beim Thema Syrien die alternative Sichtweise einiges für sich hat.

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Kategorie: Allgemein, Politik

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