Ursprünge der „Political Correctness“

Vertreter der Frankfurter Schule Max Horkheimer (vorne links), Theodor Adorno (vorne rechts), und Jürgen Habermas hinten rechts, 1965 in Heidelberg.

Vertreter der Frankfurter Schule Max Horkheimer (vorne links), Theodor Adorno (vorne rechts), und Jürgen Habermas hinten rechts, 1965 in Heidelberg. Foto: Jeremy J. Shapiro

Der Weg in die Tyrannis

Von Dr. Christian Böttger

Es ist nicht nur eine libertäre Phrase, wenn man heute feststellen muß, daß die Bundesrepublik Deutschland seit der Wiedervereinigung der untergegangenen DDR in mancherlei Hinsicht immer ähnlicher geworden ist. Das ganze politische und geistige Klima scheint heute im Mief einer totalitären Ideologie zu ersticken, die Political Correctness genannt wird. (1) Getragen wird diese Ideologie von politischen und intellektuellen Eliten, die mehr oder weniger direkt geprägt sind vom Neomarxismus der Frankfurter Schule. Wie sind diese heute alles beherrschenden und kontrollierenden politischen und intellektuellen Eliten zu dieser Machtfülle gelangt? Die Geschichte dieser Entwicklung geht zurück auf die Zeit während des ersten Weltkrieges.

Vor dem Ersten Weltkrieg gingen die Anhänger der marxistischen Theorie davon aus, daß bei Ausbruch eines Krieges in Europa die Arbeiterklasse in jedem Land aufstehen und rebellieren würde. Aber als 1914 der Krieg ausbrach, stellte sich heraus, daß die Verbundenheit der Arbeiter mit ihrer jeweiligen Nation stärker war, als ihr internationalistisches Klassenbewußtsein. Spätestens nach Beendigung des Krieges mußten sich die marxistischen Ideologen die Frage stellen, wie dieser Widerspruch zu erklären ist.

Antonio Gramsci in Italien und Georg Lukács in Ungarn glaubten, die Antwort gefunden zu haben. Gramsci und Lukács argumentierten, daß die kulturellen Prägungen die Arbeiter blind gemacht hätten. Sie schlußfolgerten: vor einer marxistischen Revolution muß eine Kulturumwälzung stattfinden. (2)

Nach der bolschewistischen Revolution in Ungarn wurde Lukács 1919 u. a. stellvertretender Volkskommissar für Unterrichtswesen in der Regierung von Béla Kun. In dieser Funktion startete er ein radikales Sexualerziehungsprogramm in den ungarischen Schulen. Er setzte bei den Kindern an, weil es einfacher war, sie kulturell umzuerziehen als die Erwachsenen.

Auch von Deutschland ging eine Initiative zur Weiterentwicklung des Marxismus aus. Felix Weil, der Sohn eines wohlhabenden Getreidehändlers, wollte als marxistische Ideenschmiede ein Politikinstitut gründen. Dieser „Think-Tank“ sollte nach dem Vorbild des Marx-Engels-Instituts in Moskau ausgerichtet sein und zunächst „Institut für Marxismus“ genannt werden.

Zur Vorbereitung eines solchen Instituts trafen sich am 20. Mai 1923 etwa 20 überwiegend junge Intellektuelle zur „marxistischen Arbeitswoche“ in Geraberg bei Arnstadt in Thüringen. Georg Lukács‘ Ausführungen bildeten eine wesentliche Grundlage des Programms. Der überwiegende Teil der Anwesenden dieser marxistischen Studienwoche blieb später der Frankfurter Schule verbunden.

Das Institut sollte der Universität in Frankfurt/Main angeschlossen werden und erhielt deshalb den neutralen Namen „Institut für Sozialforschung“ (IfS), später als Frankfurter Schule bekannt. Es wurde offiziell am 22. Juni 1924 eröffnet.

Vielleicht nicht unwesentlich unter Lukács‘ Anregungen transferierte die Frankfurter Schule später den Marxismus von der ökonomischen Ebene auf die kulturelle, auch wenn der erste Direktor des IfS, der Rechts- und Wirtschaftshistoriker Carl Grünberg, noch klassischen marxistischen Vorstellungen verhaftet blieb. Aber 1930 wurde der erkrankte Grünberg als Direktor abgelöst und durch Max Horkheimer ersetzt.

Horkheimer begann schnell das Institut zu benutzen, um einen neuen Marxismus jenseits des sowjetischen Musters zu entwickeln. Er lobte die ökonomischen Erfolge des Kapitalismus und verkündete die Notwendigkeit eines Ersatzes für die Arbeiterklasse als Träger der Revolution. Obwohl die Frankfurter Schule bis in die 1960er Jahre keine endgültige Antwort auf diese Frage fand, begann Horkheimer, an Lukács‘ Ansatz anzuknüpfen. Er rückte nicht die ökonomischen Eigentums- und Verteilungsverhältnisse, die „ökonomische Basis“ in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, sondern geistig-kulturelle Fragen, also Überbauerscheinungen. Unter dem „Überbau“ einer Gesellschaft versteht man im Marxismus die Gesamtheit der politischen, juristischen, wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen und Organisationen (Parteien, Schulen, Kirchen usw.) und das System der damit in Verbindung stehenden Anschauungen.

Die Methode der Frankfurter Schule bestand in einer Synthese von Marxistischer Gesellschaftsanalyse mit Freudscher Psychoanalyse. Später fügte man Sprachwissenschaft und Dekonstruktivismus hinzu, um die sog. „Kritische Theorie“ zu entwickeln. Es ging darum, die Grundlagen der abendländischen Kultur zur kritisieren. Dazu gehörten nicht nur  Christentum und Kapitalismus, sondern auch konservative Vorstellungen von Autorität, Familie, Patriarchat, Hierarchie, Moral, Tradition, Sexualvorstellungen, Loyalität, Patriotismus, Nationalismus, Vererbungslehre, Ethnozentrismus und der Volksbegriff. Die Kritik an all diesen Erscheinungen wurde unter dem Begriff der „Kritischen Theorie“ zusammengefaßt.

Die sog. Kritische Theorie wurde in den 1930er Jahren als das erste faßbare Produkt der Frankfurter Schule veröffentlicht. Dabei waren die Anhänger dieser Theorie sehr bedacht darauf, nie zu erklären, was sie eigentlich wollen. Sie sagte nur, WOGEGEN sie sind. Die Kritische Theorie wollte sich nie durch eine Definition beschreiben lassen. Destruktive Kritik gegenüber den gesellschaftlichen und kulturellen Institutionen sollte die bestehende Kultur zerstören. Die Kritische Theorie wurde so zur Basis der „Gay Studies“, „Black Studies“, „Women Studies“, „Gender Studies“ und verschiedenster anderer Studienfachbereiche, die man heute überall in der westlichen Welt finden kann.

Bereits 1932 war Herbert Marcuse Mitglied des Instituts für Sozialforschung geworden. Nachdem das Institut 1933 in die USA geflohen war, verblieb Marcuse dort, als das Institut nach dem Krieg an seinen Ursprungsort zurückkehren konnte. Geographisch gesehen war nun ein zweiter Pol entstanden, von dem aus allmählich die ganze westliche Welt – quasi im Zangengriff – ideologisch bearbeitet werden konnte. In den 1950er und 1960er Jahren vollendeten Marcuse die Übertragung des Marxismus von der ökonomischen auf die kulturelle Ebene. Er fand schließlich die Antwort auf die Frage, die von Horkheimer bereits in den frühen 1930ern aufgeworfen wurde: Wer könnte das Proletariat als Träger der Revolution ersetzen? Diese neue Trägergruppe und Anhängerschaft fand man in den sog. Opfergruppen: Studenten, Schwarze, Frauen, Schwule, Migranten, Behinderte usw. Die Losung von der „Bevorzugung der Benachteiligten“ hat hier ihre Wurzel. Als Feindbild diente bald schon der „weiße hete
rosexuelle Mann“.

Um diese Bevorzugung der Benachteiligten durchzusetzen, bedurfte es eines Druckmittels. In diesem Zusammenhang kann Marcuse als Urheber der sog. „Political Correctness“ (PC) gelten. Er stellte die Behauptung auf, daß Toleranz unterdrückerisch wäre und sprach sich für „befreiende Toleranz“ aus. Darunter verstand er Intoleranz gegenüber Ideen, die von rechts kommen und Toleranz für alle linken Ideen. Das perfekte Konzept zur Errichtung einer Gesinnungsdiktatur – heute verwirklicht.

Niedergeschrieben hat er das 1965 in seinem Essay über „Repressive Toleranz“. Darin wird behauptet, daß durch die Gleichberechtigung aller Denksysteme auch rassistische und neofaschistische Ideen auf einer Ebene stünden mit pazifistischen und emanzipatorischen Ideen. Das sollte verhindert werden. Dieser Ansatz verhalf der ‚Political Correctness‘ in den 1980er Jahren zum Durchbruch. „Intoleranz den Intoleranten“ war die Losung. Sie wurde von nun an benutzt, um Personen, mit denen man nicht übereinstimmte, das Recht auf freie Rede zu entziehen. Nur so ließ sich die „Bevorzugung der Benachteiligten“ z. B. mittels Quotenregelungen durchsetzen. Ein nahezu perfektes und dreistes Konzept der Machtergreifung, Machterhaltung und Unterdrückung war damit gegeben. Es kommt völlig scheinheilig als humanistisch daher und ist doch so voller Grausamkeit. Um mal ein Beispiel aus der Gegenwart zu nennen: als Voraussetzung für die Studienplatzvergabe in Südafrika müssen Schwarze h
eute lediglich 58 von 100 erreichbaren Punkten vorweisen, Weiße hingegen 97 Punkte. (3) Das sind Verhältnisse, wie sie mit der geförderten Migration auch auf uns in Europa zukommen werden. Wie durch ein Brennglas gebündelt erkennen wir in den gegenwärtigen Verhältnissen in Südafrika unsere eigene Zukunft.

Ein Hauptinstrument zur Akzeptanz der erzwungenen Gleichheit und zur Disziplinierung bilden die konkreten Sprachregelungen der PC, die zuweilen den Charakter der Orwell-Sprache angenommen haben. Manfred Kleine-Hartlage hat in seinem Buch „Die Sprache der BRD“ (4) diese Sprache analysiert. Man könnte sie in Anlehnung an den Ursprung der ihr zugrunde liegenden Geisteshaltung als „Frankfurterisch“ bezeichnen. Zwangsläufig gehen solche Sprachregelungen mit der Ausbildung deformierter Charaktere einher. Niemand weiß heute noch, was er eigentlich sagen darf und was ihm schaden könnte. Die „Schere im Kopf“ beginnt bereits in den Schulen. Der Bürgerrechtler Rolf Henrich hat darauf aufmerksam gemacht, daß diese „Schere im Kopf“ (5) heute größer ist als 1989. Man fragt sich wirklich langsam, wozu wir 1989 auf die Straße gegangen sind.

Diese Verhältnisse betreffen aber nicht nur die BRD und Österreich. Die gesamte westliche Welt spricht heute bereits dieses „Frankfurterisch“. Vermittelt über die Universitäten entstand im „Westen“ ein System der Disziplinierung, das ich hier als „Frankfurter Tyrannis“ bezeichnen möchte. Daß es sich dabei um eine Gesinnungstyrannis handelt, dürfte klar sein. Sie hat im heutigen „System-Merkel“ ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Die Überwindung dieser „Frankfurter Tyrannis“ in Gestalt der PC bildet eine intellektuelle und politische Hauptaufgabe unserer Zeit. Als US-amerikanischer Präsident könnte Donald Trump dabei die entscheidende Rolle spielen. Jedenfalls hat er der PC den Kampf angesagt und erntet insbesondere bei den „Angry White Men“ Zustimmung. Das ist auch der wahre Grund dafür, warum zur Zeit die herrschenden politischen und intellektuellen Eliten des Westens, die das Konzept der Frankfurter Schule vollständig verinnerlicht haben, so
in Panik geraten. Schließlich sind sie es, die davon profitieren. Ein Paradigmenwechsel ginge letztendlich mit einem Elitenwechsel einher und die reichhaltigen Futtertröge wären dahin. Ob Donald Trump dieser Rolle als Hoffnungsträger eines gesellschaftlichen Wandels – einer neuen Perestroika – gerecht werden kann, bleibt abzuwarten. Die Hoffnung stirbt zuletzt…

Quellen:

1) Lind, William S.: Die Geschichte der Politischen Korrektheit. (Übersetzt von Thomas Völker) Ein Werk des Zentrums für kulturellen Konservatismus bei der Free Congress Foundation, November 2004
2) Free Congress Foundation: „Die Geschichte der Political Correctness“, youtube-Video, englisch mit deutschen Untertiteln, in drei Teilen, 2010; (Die Textfassung unter:
http://de.wikimannia.org/Die_Geschichte_der_Politischen_Korrektheit
3) http://www.az.com.na/leserbriefe/apartheid-ist-zurck.138992.php
4) Kleine-Hartlage, Manfred: Die Sprache der BRD. 131 Unwörter und ihre politische Bedeutung. Schnellroda 2015
5) „Die Schere im Kopf ist heute größer als 1989“. Rolf Henrich über zehn Jahre deutsche Einheit. In: Info 3. Frankfurt a. M. 9/2000, S. 20 ff.

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Kategorie: Allgemein, Kultur

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